Coronavirus: Wer Angst hat, denkt und handelt unvernünftig Regensburger Neurowissenschaftler Dr. Volker Busch rät zu Besonnenheit

Regensburg – Die Verunsicherung ist groß: Das Coronavirus beherrscht mit einem Mal unser Leben in einem uns unbekannten Ausmaß und sorgt für massive Einschnitte in unseren Alltag. Dr. Volker Busch, Neurowissenschaftler an der Universität Regensburg, erklärt, welche Auswirkungen die ungewohnte Situation auf unsere Psyche hat, warum Hamstern menschlich ist und wie wir uns aus dem Klammergriff der Angst lösen können.

Das Coronavirus ist ein Thema, das uns alle betrifft und beschäftigt. Was macht das psychisch mit uns?
Dr. Volker Busch: Sehr viel. Das Coronavirus ist für uns so belastend, weil wir alle keine Erfahrung damit haben. Alles, was neu ist, erreicht einen emotional besonders stark: Die erste Liebe genauso wie die Führerscheinprüfung. Was wir zum ersten Mal erleben, hat eine gewisse Wucht.

Das ist auch jetzt so, wir alle müssen uns auf etwas Neues gefasst machen: Von der Politik über die Medizin, die Wissenschaft bis hin zur gesamten Gesellschaft. Das ist ein Faktor, der extrem unterschätzt wird. Ich könnte mir aber vorstellen, dass wir emotional anders reagieren, falls wir nächstes Jahr wieder eine Epidemie haben sollten, weil wir dann schon Erfahrungswerte haben. Ich glaube, das ist ein entscheidender Punkt.

Es kommt auch zu Hamsterkäufen. Warum?

Es ist ein Urinstinkt des Menschen, dass er sich in Situationen, die er als unmittelbar bedrohlich empfindet, auf die Dinge besinnt, die ihn überleben lassen. Dazu gehört auch, dass man Lebensmittel hortet, seine Lieben näher an sich heranholt oder dass manche Leute auf einmal anfangen zu beten. Wenn alles läuft, kümmert man sich kaum darum. Man geht der Karriere und anderen „unwichtigen“ Dingen des Lebens nach. Aber wenn wir etwas erleben, was vermeintlich unser Leben bedroht, kommen Urinstinkte durch. So gesehen, kann man Hamsterkäufe ein Stück weit verstehen. Es ist nicht sinnvoll, den Supermarkt für Wochen leerzukaufen und auch anderen gegenüber nicht fair. Aber unterm Strich kann man das nachvollziehen, denn es ist menschlich und ganz natürlich.

Welche Rolle spielt die Angst dabei?

Wir müssen uns klarmachen: Wenn die Angst uns im Klammergriff hat, können Gedanken und Entscheidungen kaum vernünftig sein. Angst sorgt dafür, dass wir reflexartig handeln, denn sie hat den Sinn, uns überleben zu lassen. Das heißt aber eben nicht, dass uns die Angst kluge Entscheidungen für die nächsten fünf Jahre treffen lässt. Wer unter Angst steht, reagiert im Hier und Jetzt. So kommt es eben auch zu Hamsterkäufen oder dazu, dass man wütend ist oder dass man anderen die Schuld gibt. Das sind Kurzschlusshandlungen, die im Sofort passieren.

Wie geht man damit um?

Wir müssen uns aus dem Klammergriff der Angst lösen. Das funktioniert, indem man einen Schritt zurück geht, durchatmet und dann nochmal auf seine Angst schaut. In diesem Moment verändern sich die Botenstoffe im Gehirn. Wir bekommen etwas Abstand und mit diesem kommt die Reflexion zurück. Nun kann man ganz nüchtern auf die Situation blicken: Was passiert um mich herum? Was ist Fakt und was bilde ich mir ein? Ist die Situation wirklich so schlimm oder übertreibe ich? Diese Trennung zwischen Realität und dem, was ich selbst zu meiner Angst beitrage, kann schon helfen, besonnener zu werden.

Die zweite Frage, die man sich stellen kann: Was kann ich verbessern? Kann ich zum Beispiel mich und andere vor dem Coronavirus durch entsprechende Maßnahmen schützen? Jeder hat gewisse Stellschrauben zur Verfügung. Auch das beruhigt, weil man das Gefühl der Kontrolle zurückbekommt. Kontrolle ist eine wirksame Waffe gegen Angst. Das sind mentale Techniken, die jeder durchführen kann.

So wie es aussieht, wird die Corona-Krise nicht so schnell überstanden sein. Heißt das, die ganze Gesellschaft steht längerfristig unter dieser Anspannung?

Die Situation bleibt, aber ich denke, dass die Anspannung sinkt. Die jetzige Anspannung wird von einer gewissen Erregung getragen und diese Erregung kocht sich wieder ab. So neu die Situation gerade ist, wird daraus doch eine gewisse Normalität erwachsen – auch wenn wir in den nächsten Monaten vielleicht weniger Veranstaltungen besuchen, weniger ins Kino gehen und weniger Fußballspiele live anschauen können. Im Moment fällt es uns noch schwer, weil es neu ist und weil wir empört, aufgeregt und voller Angst sind. Aber das wird sich legen und in „Normalität“ übergehen. Dadurch wird auch die Anspannung nachlassen, obwohl die Situation die nächsten Monate noch anspruchsvoll bleiben wird.

Besteht da nicht die Gefahr, dass sich jeder selbst der Nächste ist?

Wir sind eine Individualgesellschaft. Da besteht diese Gefahr immer. Ich bin aber überrascht und erleichtert, dass die Bevölkerung momentan relativ cool ist. Es gibt natürlich ein paar Ausnahmen, die Hamsterkäufe machen oder in den Sozialen Medien Verschwörungstheorien und Fake News posten. Die meisten sind aber cool, unterhalten sich normal, blicken nach vorne – und machen auch mit: Waschen sich öfter die Hände und sehen ein, dass Großveranstaltungen abgesagt werden. Es ist Verständnis da. Ich finde auch, dass die Politik momentan besonnen reagiert: Sie handelt klar und sichert Hilfe zu.

Nachdem in den letzten Monaten viele über die Demokratie geschimpft haben, dass jeder nur an sich denkt und nichts vorwärtsgeht, habe ich das Gefühl, dass nun alle an einem Strang ziehen. So schwer die Krise ist, kann ich ihr auch eine kleine positive Sache abgewinnen: Sie gibt mir das Gefühl, wenn wir als Gesellschaft gemeinschaftlich etwas wollen, dann kann das auch klappen. Das finde ich sehr beruhigend.

Haben Sie noch einen Rat?

Besonnen bleiben. Jeder sollte einen Schritt zurücktreten, sich selbst etwas zurücknehmen und an unsere Gesellschaft, an unser Kollektiv denken. Wenn uns das weiterhin gelingt, dann schaffen wir es auch aus der Corona-Krise. Das ist ein Lernprozess, aber ich glaube, dass er uns als Gemeinschaft weiterbringen kann.

Quelle: Universität Regensburg


Dr. Volker Busch

… leitet am Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Regensburg die Arbeitsgruppe „Psychosozialer Stress und Schmerzforschung“. Er erforscht die psychophysiologischen Zusammenhänge von Stress, Schmerz und Emotionen. Seit rund 15 Jahren ist er als Neurowissenschaftler, Arzt sowie als Speaker und Trainer tätig.

Mehr Infos unter www.drvolkerbusch.de

Claudia Böhm

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