Wenn die Wartezeit länger als das Leben ist Transplantationsmediziner Dr. Bernhard Banas will hin zu einer „Kultur pro Organspende“ / 6. Juni: "Tag der Organspende" / Regensburg: Größen aus Politik und Sport sind Organspender

Regensburg – Die Corona-Pandemie überschattet derzeit alles. Auch die alten Probleme. Wussten Sie, dass 10.000 Menschen allein in Deutschland auf ein Spenderorgan warten – die meisten bis zum Ende vergeblich? Dabei wäre der Tod abwendbar, gäbe es nur ausreichend Spenderorgane.

Von Mario Hahn

Um auf dieses ernste Thema hinzuweisen, findet alljährlich am 6. Juni der „Tag der Organspende“ statt. Im Vorfeld haben wir ein Gespräch geführt mit Univ.-Prof. Dr. Bernhard Banas, Leiter des Universitären Transplantationszentrums Regensburg und Vorsitzender der Deutschen Transplantationsgesellschaft.

Prof. Dr. Bernhard Banas, Leiter des Universitären Transplantationszentrums Regensburg und Vorsitzender der Deutschen Transplantationsgesellschaft
Foto: UKR

Blizz: Ich vermute mal, Sie sind Organspender. Wann haben Sie gesagt, „ich mach das jetzt“?
Prof. Dr. Bernhard Banas: Ich hatte bereits als Gymnasiast einen Organspendeausweis ausgefüllt, noch vor dem Entschluss, Medizin zu studieren. Der Grund war pragmatisch: Mir war klar, dass nur mit einem fremden Spenderorgan ein Weiterleben möglich ist, wenn man selbst schwer erkrankt und das eigene Herz, die eigene Leber oder die eigene Lunge versagt.

Warum ist die Bereitschaft zum Spenden in Deutschland so gering? In Spanien wird vier Mal so oft gespendet.
Die Spendenbereitschaft ist in Deutschland nicht mehr oder weniger groß ist als in unseren Nachbarländern – darunter auch Spanien. Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) belegen immer wieder, dass rund 80% der Bevölkerung eine Organspende gut findet, 20% sind dagegen. Was wir im Gegensatz zu den anderen nicht schaffen, ist, die Gesetze und die Organisation der Organspende dieser Grundeinstellung der Bevölkerung anzupassen. Wir führen seit 40 Jahren Grundsatzdiskussionen zum Hirntod und zur Freiheit der Entscheidung jedes Einzelnen, die andere Länder längst beantwortet haben. Dabei will definitiv niemand einem Verstorbenen ein Organ entnehmen, der das nicht wollte. Und für mich höchst bedenklich: Als größtes Land im internationalen Verbund Eurotransplant akzeptieren wir jeden Tag Organe aus dem Ausland, die unter gesetzlichen Bedingungen entnommen wurden, die wir in Deutschland für uns so nicht haben wollen.

Am 1. April 2019 gab es eine Änderung des Transplantationsgesetzes mit der Hoffnung, mehr Spender zu gewinnen. Wie schaut die Lage heute aus?
Diese Gesetzesänderung war sehr wichtig, denn sie schafft die Grundlagen für eine bessere Organisation der Organspende in Deutschland: Alle Krankenhäuser bekommen Hilfe und sog. Transplantationsbeauftragte, um intern das Thema Organspende zu diskutieren. Spezialisten für die Hirntoddiagnostik werden schneller gerade den kleineren Krankenhäusern helfen und es wird jede einzelne potentielle Organspende nachuntersucht, was gut geklappt hat und was nicht.
Allerdings: Ohne Spender nützt das alles nichts. Darum wird sich in Deutschland so lange nichts ändern, solange nicht auch wir zu einer Kultur pro Organspende finden, die es in so vielen anderen Ländern gibt. Bleiben wir bei Spanien: Dort ist es völlig normal, dass am Lebensende jedes Bürgers überlegt wird, wollte er Organspender sein oder nicht. Falls ja, wird eine Organspende immer klappen, das ist der ausdrückliche Wunsch der Gesellschaft. Gerade in Spanien ist es überhaupt kein Problem, wenn jemand nicht spenden will, denn es gibt genügend andere, die wollen.
Dabei ist mir eines aber sehr wichtig: Auch wenn jemand, aus welchem Grund auch immer, kein Organspender sein möchte – im Falle des Falles wird er genauso transplantiert werden wie jeder andere. Niemandem darf eine bestmögliche Behandlung vorenthalten werden.

Sie arbeiten am Universitären Transplantationszentrum. Welche Organe werden am häufigsten verpflanzt?
In Regensburg (wie auch in allen anderen Transplantationszentren) werden am häufigsten Nieren und Lebern transplantiert, danach kommen die Herztransplantationen. Am Beispiel Nierentransplantation ist einfach klar zu machen, wie groß unsere Probleme, d. h. eigentlich die Sorgen unserer Patienten sind:  Für 93.000 Dialysepatienten in Deutschland standen in 2019 exakt 1.524 postmortal gespendete Organe zur Verfügung. Weitere 520 Patienten konnten nur transplantiert werden, weil Angehörige eine Lebendorganspende machten. Für sehr viele Patienten ist die Wartezeit auf ein Spenderorgan länger als ihre Lebenserwartung. Immer weniger Patienten melden sich daher überhaupt zur Transplantation an – nur noch gut 7.000 warten aktiv auf eine Spenderniere, und selbst von diesen verstirbt ein Drittel vor der lebensrettenden Transplantation. Deutschland gehört im Bereich Organspende zu den allerschlechtesten Ländern weltweit.

Vielen Dank für Ihre Zeit.

 

 

Foto: L.Klauser/Adobe Stock

„Wie halten Sie’s mit der Organspende?“

 

Regensburger Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer

Maltz-Schwarzfischer: „Wer mitten im Leben steht, dem fällt es meist schwer, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Vielleicht aus diesem Grund schieben viele Menschen eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Organspende“ weit von sich weg. Dabei vergessen sie, dass auch sie selbst irgendwann einmal darauf angewiesen sein könnten, und sei es auch „nur“ die Transplantation einer Hornhaut, um das Sehvermögen zu erhalten. Bitte denken Sie daran: Ein Organspendeausweis kann Leben und Lebensqualität retten!“

 

Regensburger Bürgermeisterin Astrid Freudenstein

Freudenstein: „Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil kein Spenderorgan vorhanden war. Ich bin gerne bereit, für die Organspende einzutreten – eben weil sie Leben rettet. Und bei manch schrecklichem Todesfall kann die Organspende den Angehörigen wenigstens ein bisschen Trost geben, wenn ein anderer Mensch dafür ein neues Leben geschenkt bekommen hat.“

 

Regensburger Bürgermeister Ludwig Artinger

Artinger: „Dieser Ausweis kann Leben retten. Machen auch Sie mit!“

 

Hans Rothammer, Präsident des SSV Jahn Regensburg

Rothammer: „Für mich persönlich war es eine Selbstverständlichkeit, dass ich mir einen Organspendeausweis habe ausstellen lassen. Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber unserer Gesellschaft sind Themen, die mir sehr wichtig sind. Mit einer Organspende hat jeder die Möglichkeit, einen großen Dienst an einem Mitmenschen zu tun.“

 

Marco Grüttner, Kapitän des SSV Jahn Regensburg
Foto: SSV Jahn

Grüttner: „Ich habe seit Jahren einen Organspendeausweis und finde das Thema extrem wichtig. Als Familienmensch macht man sich natürlich irgendwann Gedanken darüber, was wäre, wenn einmal die Angehörigen, vielleicht sogar die eigenen Kinder, auf ein Spenderorgan angewiesen wären. Man hört immer wieder von solchen Schicksalen, zum Beispiel bei unseren Besuchen mit dem Jahn in der KUNO-Klinik. Wenn ich die Möglichkeit hätte, mit einer Organspende ein Leben zu retten, dann würde ich das unbedingt tun wollen. Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele so denken, auch, weil dadurch der illegale Handel mit Organen eingedämmt werden könnte.“

 

Oliver Hein, langjähriger Spieler des SSV Jahn Regensburg

Hein: „Eine Organspende rettet Leben und ist für viele Menschen und Familien der letzte Ausweg. Deshalb ist es meines Erachtens sehr wichtig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen – und vor allem, eine Entscheidung zu treffen. Denn es ist der eigene Körper und diese Entscheidung sollte jeder persönlich treffen. Eine Entscheidung ist besser als keine.“

 

 

Mario Hahn

Ich bin Redakteur beim Blizz, Ihrer Wochenendzeitung für Regensburg und Umgebung.

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