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Blizz Leserreporter, Kultur & Freizeit, Regensburg & Landkreis, Soziales

Blizz Leserreporter Die Welt gehört in Kinderhände

Foto: Monika Schmid

Die Welt gehört in Kinderhände

September 2015, Deutschland, Regensburg

Eine Mutter mit drei Kindern, zwei zu Fuß, eines im Buggy sitzend, überquerten bei grüner Ampel die Donaustaufer Straße in Regensburg. Die Mutter, Mitte zwanzig, trug eine Jeans und ein knielanges braunes Kleid. Unter ihrem Leo-Print Kopftuch verbarg sich, wie die große Wölbung am Hinterkopf erahnen lies, eine Pracht an Haaren. Auf den ersten Blick, eine wunderschöne Frau. Auf den zweiten Blick, eine wahnsinnig traurig wirkende Frau. Im Eilschritt lief sie über die Straße, mit einem kleinen Mädchen an der Hand und dem Bügel des Buggys in der anderen. Sie ermahnte in fremder Sprache und mit weit aufgerissenen Augen das dritte, wohl älteste Kind, ebenfalls ein Mädchen, wunderschön mit langen geflochtenen Zöpfen und einem blauen, viel zu großem Kleid. Offensichtlich verlor es den Anschluss an die Gruppe, trottete hinter ihnen her. Sie schien mit tristen, ja fast schon melancholischen Blick ins Leere, durch die Autos hindurch zu träumen – in ihrer ganz eigenen kleinen Welt zu sein.

Ich stand am Bürgersteig, vertieft in eine Nachricht auf meinem Smartphone. Die Mutter ging mit ihren drei Kindern an mir vorbei. Der Kleine im Buggy lächelte mich an, ich lächelte zurück. Diese wunderschönen schwarzen krausen Haare! Diese schönen, dunklen…. oh mein Gott! Ihm fehlte ein Auge! Mein Herz stockte. Meine Atmung stoppte! Über seinem linken Auge verlief eine kurze, dicke, dunkle Narbe. Das Auge war komplett weg, es war nur die Narbenwulst zu sehen. Ich hätte vor Schreck augenblicklich laut zu weinen anfangen können. Mir war danach mich vor diesem kleinen Geschöpft auf die Knie zu werfen und es einfach in den Arm zu nehmen. Er schien im gleichen Alter wie meine Tochter zu sein.

In mir wehrte sich alles gegen die aufkommende Erkenntnis über das Leid dieses Kindes. Meine Unterlippe begann zu zittern. Ich hätte losheulen können. Doch ich lächelte ihn weiterhin liebevoll an, hoffend, dass die Mutter vor allem aber der kleine Junge mein erschrockenes und von Mitleid erfülltes Herz nicht sieht. Sie gingen vorbei, sie schienen angespannt. Anscheinend erklärte die aufgebrachte Mutter der ältesten Tochter die Gefahren der Straße noch einmal. Sie beachteten mich gar nicht. Ebenso beachteten sie das eben heruntergefallene Stofftier des Jungen nicht. Ich konnte nicht genau erkennen ob es ein Hase oder eine Maus war. Sie entfernten sich im Eilschritt und ich war zu verdutzt um zu reagieren.

Der Maushase lag am Boden, die Familie zog weiter. Augenblicklich riss sich ein vorbeigehender Junge, von der Hand seiner Mutter los und rannte in Richtung Maushase mit den lauten Worten: “Haaaalloooo, du hast deinen Teddy verloooooren, stopp mal!” Die ausländische Familie stoppte, hatten wohl auch soeben den Verlust bemerkt. Alle drehten sich um, der Kleine im Buggy fing an zu weinen. Eine schrille und zutiefst fordernde Stimme aus dem Off erschreckte ganz Regensburg: “Nein!”. Es kam mir vor, als hallte es durch alle Straßen. “Neeein! Malte, berühr das nicht! Wehe! Malte! Lass das sofort wieder los! Pfui Malte!” Im Eilschritt zu Malte kochte die Mittdreißigerin, mit wilder roten Langhaarmähne, in Capri Hose und Lacoste Poloshirt, während sie, bereits im Laufschritt zur Gefahrenzone, die Sagrotantücher aus ihrer Handtasche rauskramte, vor Entsetzen.

Die Welt stand für alle Menschen, drumherum, still. Alle blieben beobachtend stehen. Wir waren erstarrte Gäste dieses entsetzlichen Spektakels, deren Ende sich niemand vorstellen konnte. “Malte! Um Himmels Willen, wirf DAS sofort wieder hin! DAS da gehört DENEN dort!” Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutete sie dabei auf die Mutter mit ihren drei Kindern, während ihr Blick Lebensbedrohung signalisierte. Sie riss ihrem Sohn die Stoffmaus aus der Hand und knallte sie mit tonnenschwerer Wurfkraft auf die Straße. “Weg damit, tu so etwas nie wieder, hörst du?!?”

Zutiefst geschockt und erschrocken wagte ich es meinen Blick zur Stoffhasenmaus Mama wandern zu lassen, die bereits beide Hände über ihren Wangen gelegt hatte. Eine weitere Regung der Familie war nicht zu erkennen. Der Sohnemann im Buggy weinte auch nicht mehr. Er guckte nur verwundert! Ich wollte einschreiten, mein Handy glitt in die Handtasche, ich schluckte meinen sauren Speichel hinunter und machte mich im militärischen Schritt zu Malte und seiner “besorgten” Mutter auf. Ich spürte Wut in mir, das wollte ich diese Frau wissen lassen! Doch es kam alles ganz anders: Malte, ca. fünf Jahre alt, widersetzte sich auf eine sehr wundersam ruhige Weise seiner Mama. Seine kindliche, reine Seele sprach Wunder: “Aber Mamaaaaaa, das ist doch nur ein Teddybär! Der Bub hat ihn verloren und ich wollte ihn nur zurückgeben!” er hob das Stofftier auf und hielt ihn seiner Mama entgegen: “Siehst du Mama, NUR ein Stofftier! Du musst keine Angst davor haben!”

Er wandte seiner verstummten Mutter den Rücken zu und lief zum Stofftierbesitzer im Buggy: “Hallo, dein Teddy, ich habe ihn gerettet!” Wovor dachte ich mir? Vor seiner paranoiden Mutter oder vor dem Sturz auf dem Bürgersteig? Malte legte das Stofftier in den Buggy, auf des kleinen Jungen Schoß. Dieser schnappte ihn sich sofort und hielt ihn kuschelnd an seine Backe, sein fehlendes Auge bedeckend. Die kleinste der zwei Schwestern, mit kurzem Haarschnitt und einem Haarreifen voller bunter Blümchen, streichelte Malte über die Schulter und sagte: “Danke Freund!” und lächelte verschämt. Die Ältere im blauen Kleid, ging in die Hocke neben Malte und beobachtete ihn, ebenfalls lächelnd. Die Mutter der Kinder jedoch schaute über die Kinder, die gerade Freundschaft schlossen, hinweg zu Maltes Mutter, die genervt ihre rote Mähne zurecht zuppelte.

Die Rothaarige zischte vor Wut. Die Wunderschöne, im braunen Kleid, weinte leise.

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