Abschlussbericht zu Übergriffen bei den Regensburger Domspatzen vorgestellt

Insgesamt 547 Opfer von sexuellem Missbrauch und Gewalt im Zeitraum von 1945 bis 1992

Sexueller Missbrauch und Gewalt bei den Regensburger Domspatzen. In den Vorschulen Etterzhausen und Pielenhofen sowie am Musikgymnasium wurden zwischen 1945 und 1992 insgesamt 547 Schüler zu Opfern. Die Dunkelziffer soll bei 700 liegen. Das bestätigte Rechtsanwalt Ulrich Weber in seinem Abschlussbericht zu den Untersuchungen der Vorfälle. Zugleich räumte er jedoch ein, dass die jetzigen Domspatzen nichts mehr mit der damaligen Zeit zu tun hätten.

Von Matthias Dettenhofer

„Der Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit sollte dazu dienen, den Willen der Schüler zu brechen und ihnen Persönlichkeit und Individualität zu nehmen“, so zitierte Ulrich Weber aus seinem Abschlussbericht. „Dies diente der Erreichung maximaler Disziplin und Leistungsfähigkeit als Grundlage für chorische Erfolge.“ Der Regensburger Rechtsanwalt stellte am vergangenen Dienstag seinen Abschlussbericht zur Aufklärung der Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen vor.

Dabei konzentrierte sich Weber zusammen mit seinem Team auf drei zentrale Fragen: Was ist geschehen?, Wie konnte es geschehen? und 3. Wie wurde mit den Vorfällen umgegangen?.

Die Vorschule in Etterzhausen bzw. Pielenhofen war in den 60er- und 70er-Jahren das Epizentrum der Übergriffe. Opfer beschreiben ihre Zeit dort als „Hölle“, „Gefängnis“ oder „Konzentrationslager“. Hauptverantwortlich für die Taten waren in vielen Fällen der damalige Direktor und sein Präfekt. Anlass für Gewaltausbrüche waren meist Brüche eines willkürlichen Regelkataloges. Fehlverhalten, schlechte Leistungen oder einfaches „Kindsein“ wurden individuell oder kollektiv bestraft. Physische Gewalt ging einher mit Psychoterror.

Vorschulen in Etterzhausen und Pielenhofen, aber auch das Musikgymnasium betroffen

Die Frage „Wie konnte es geschehen?“ wurde am Textanfang bereits erläutert. Ergänzend soll jedoch erwähnt werden, dass neben dem Streben nach musikalischer Perfektion den Taten auch immer der zur Zeit gängige Erziehungsstil, sowie persönliche und pädagogische Überforderung zugrunde lagen. Dennoch könne, so heißt es im Bericht, das Ausmaß bei den Domspatzen nicht mit dem jeweiligen Zeitgeist erklärt werden.

Der Umgang mit den Vorfällen stellt den nächsten Tiefpunkt dar. Müsse man doch davon ausgehen, dass nahezu alle Verantwortungsträger bei den Domspatzen ein „Halbwissen“ über die Gewaltvorfälle hatten, jedoch kein Interesse an einer Weiterverfolgung der Thematik hatten. Der Bericht unterstellt insbesondere zwei ehemaligen Domkapellmeistern eine „Kultur des Schweigens“ installiert zu haben. Der Schutz der Institution Domspatzen stand im Vordergrund. Auch dem vormaligen Bischof von Regensburg trifft, so der Bericht, eine Verantwortung, den Aufarbeitungsprozess durch kommunikative und organisatorische Schwächen, behindert zu haben. Auch sein Nachfolger änderte das nach anfänglichen Schwierigkeiten und trat in eine offene Kommunikation mit den Opfern.

Unter Einbeziehung von Opfern, zusammen mit Bistum und Vertretern der Domspatzen wurde schließlich ein Aufarbeitungsgremium zusammengestellt. Deren Gesamtstrategie befindet sich derzeit in der Umsetzung.

Mario Hahn

Ich bin Redakteur beim Blizz, Ihrer Wochenendzeitung für Regensburg und Umgebung.

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