Sie brachte Tod, Verwüstung und Schande – auch in Regensburg: Die Reichspogromnacht jährt sich zum 80. Mal

Regensburg – 1918, 1938, 1989: Der 9. November gilt als „Schicksalstag“ in der deutschen Geschichte. Er markiert den Beginn der ersten deutschen Republik, den Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung und den Fall der Berliner Mauer. Insbesondere, was die Reichspogromnacht 1938 angeht, spielt Regensburg eine besondere Rolle, zählt die jüdische Gemeinde hier doch zu den ältesten jüdischen Gemeinden in Deutschland und zu den bedeutendsten im mittelalterlichen Europa.

Von Mario Hahn

Ganz klar, die Situation für jüdische Mitbürger verschlimmerte sich im Zuge des Aufstiegs des Nationalsozialismus grundlegend. Auch in Regensburg. So kam es in der Stadt, die die erste jüdische Gemeinde in Bayern hatte und im Mittelalter eine der bedeutendsten in Europa war, bereits 1924 und 1927 zu ersten Schändungen des neuen Judenfriedhofs.

Nationalsozialistische Schlägertrupps zerstörten jüdische Geschäfte und bedrohten deren Kunden – in besonders spektakulärer Weise am 29. März 1933, als sich SA-Leute mit einem Maschinengewehr vor dem Kaufhaus Merkur postierten, dessen Eigentümer ein Jude war. 1934 durften Juden nicht mehr am Städtischen Markt handeln, 1936 nicht mehr im Städtischen Schlachthaus. Insgesamt glückte 233 Personen die Emigration.

Dann kam dieser „Schicksalstag“ der deutschen Geschichte: dieser 9. November. Schon einen Tag zuvor nahmen die Ereignisse ihren Lauf. So verbreitete sich über Rundfunk und Presse die Nachricht aus Paris, dass der deutsche Diplomat Ernst vom Rath von einem jüdischen Jugendlichen angegriffen worden und dann seinen Verletzungen erlegen war. Auf solch eine Nachricht hatte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels nur gewartet, der sofort die Initiative ergriff und erklärte: „Demonstrationen weiterlaufen lassen, Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu spüren bekommen.“

In Regensburg schritt man sogleich zur Tat. Von Gauleiter Fritz Wächtler kam der Befehl, die jüdische Synagoge in der Schäffnerstraße niederzubrennen. An der Zerstörung waren weit über 100 Schüler der Ausbildungsstätte Nationalistischer Kraftfahrkorps (NSKK) beteiligt. Den ganzen 9. November brannte das jüdische Gotteshaus. Gegen 1.20 Uhr des 10. November stürzte die Kuppel ein; gegen 2.30 Uhr war die Synagoge ausgebrannt. Die herbeigerufene Feuerwehr bekam vom persönlich anwesenden Regensburger Oberbürgermeister Otto Schottenheim die strikte Anweisung, nur die umliegenden Gebäude zu schützen. Schottenheim verhinderte damit mögliche Löscharbeiten an der Synagoge.

SS und SA verwüsteten zudem jüdische Geschäfte und hielten die jüdische Bevölkerung auf den Polizeirevieren am Minoritenweg und am Jakobstor fest oder schikanierten sie in vielfältiger Weise auf dem Gelände der Motorsportschule des NSKK an der Irler Höhe. Gegen 11 Uhr trieben die Nazis Regensburger Juden in einem „Schandmarsch“ durch die Maximilianstraße, wobei diese von Passanten geschlagen, bespuckt oder mit Steinen beworfen wurden.

Nachdem um 12 Uhr der Zug beendet war, brachte ein Bus etwa 21 jüdische Männer in das KZ Dachau, wo sie bis zu sechs Wochen festgehalten wurden.Noch am 10. November ordnete Otto Schottenheim den Abbruch der ausgebrannten Synagoge an. Die Kosten wurden der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt.

Ilse Danziger: „Wehret den Anfängen“

Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg über den Antisemitismus unserer Tage

Mario Hahn: In Pittsburgh/USA gab es vor wenigen Tagen einen furchtbaren Amoklauf in einer Synagoge, in vielen deutschen Großstädten trauen sich jüdische Mitbürger nicht mehr mit ihrer Kippa auf die Straße – ist der Antisemitismus 80 Jahre nach der Reichspogromnacht bei uns wieder auf dem Vormarsch?

Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg sowie Trägerin der Silbernen Bürgermedaille der Stadt Regensburg
Foto: Jüdische Gemeinde

Ilse Danziger: Der Amoklauf in Pittsburgh/USA muss jeden normal denkenden Menschen fassungslos machen. Tote und Verletzte, weil ein wahnsinniger Amokläufer auf eine besonders feige und abstoßende Weise unschuldige Menschen niedermetzelt. So etwas darf niemanden unberührt lassen, nur weil man im Moment vielleicht selbst nicht zu dieser Zielgruppe gehört. Menschen, die derart gewaltbereit sind, werden sicherlich auch weitere Personen, Gruppierungen oder anders Denkende auf die gleichartige aggressive Weise zu ermorden versuchen.

Die politische Situation im Land vergleichen manche mit der Situation in der Weimarer Republik vor der Machtergreifung der Nazis. Teilen Sie diese Einschätzung?

Wenn wir heute die Nachrichten ansehen, fällt die extreme Aggressivität schreiender Horden auf. Dies darf die Bevölkerung nicht nur ängstigen, sondern muss sie wachsam und sogar aktiv werden lassen. Es erinnert selbstverständlich an die Zeit der Weimarer Republik.

Im Sommer 1938 wurden sämtliche Schaufenster der jüdischen Geschäfte Regensburgs mit roter Farbe beschmiert, um die „Arisierung“ voranzutreiben. Anfang November 1938 – kurz vor dem Novemberpogrom – hielten sich noch etwa 350 Juden in Regensburg auf.

Sämtliche demokratischen Kräfte sollten wachgerüttelt werden und zum aktiven Widerstand mobilisieren, wenn man in einer deutschen Stadt wieder ungestraft rufen darf, „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit“ oder in einem europäischen Staat „Stecht die Juden nieder“, oder „Heil Hitler“. Leider gibt es für diese „Schreier“ kaum Konsequenzen, die sie zu fürchten haben.

Es erschreckt mich zutiefst, dass dies heute wieder möglich ist.

Da kann es auch nicht verwundern, wenn sich einzelne Personen nicht mehr in einer deutschen Großstadt als Kippaträger zeigen wollen. Die Hemmschwelle, die es einst beim offenen Antisemitismus gab, ist offensichtlich verschwunden. Dem muss entschieden entgegengetreten werden.

Zum Glück wurden bereits in vielen Bundesländern Antisemitismusbeauftragte ernannt, die sensibel ihr Augenmerk auf derartige Ausschreitungen richten und es soll auch in Bayern eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle eingerichtet werden.

Derzeit entsteht ein neues jüdisches Gemeindezentrum im Stadtzentrum. Wegen des historischen Bezugs zum ersten Regensburger Pogrom von 1519 ist die Realisierung des Baus für das Jahr 2019 ins Auge gefasst worden. Welche Bedeutung wird die neue Synagoge für das jüdische Leben in Regensburg und der ganzen Region haben?

Wir brauchen wieder eine Kultur des Hinschauens und eine Zivilgesellschaft die klare Zeichen setzt. Mit der neuen Synagoge wird daher ein Zeichen gesetzt, besonders für Juden, die schon immer ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte der Stadt Regensburg waren und die bedeutend zur Prägung der Stadt zum Weltkulturerbe beitrugen. Dies zeigt auch die große Unterstützung der Politik und die enorme Spendenbereitschaft der Stadtgesellschaft und gibt uns ein sehr gutes Gefühl.

Der 9. November, der „Schicksalstag der Deutschen“

Der 9. November ist ein historisches Datum für die Geschichte Deutschlands – und dies in vielfacher Hinsicht. Hier ein kleiner Überblick:

■ Erste deutsche Republik:
Am 9. November 1918 rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstagsgebäudes in Berlin die erste deutsche Republik aus. Die sogenannte Novemberrevolution führte das Deutsche Reich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Abschied vom Kaisertum von einer konstitutionellen Monarchie in eine parlamentarisch-demokratische Republik.

■ Hitlerputsch:
Am 9. November 1923 scheiterte der sogenannte Hitlerputsch in München. Ziel war die „nationale Revolution“, also die Absetzung der Bayerischen Regierung und der Reichsregierung.

■ Reichspogromnacht:
Eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte: Am 9. November 1938 inszenierten die Nationalsozialisten die reichsweiten Pogrome gegen die Juden. Synagogen und jüdische Geschäfte standen in Flammen. Die gewaltsame Verfolgung und spätere Vernichtung der jüdischen Bevölkerung nahm damit ihren Anfang.

■ Mauerfall:
Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Das SED-Regime in der DDR fiel in den folgenden Wochen in sich zusammen. Ein Jahr später war Deutschland wiedervereinigt. Der Fall der Mauer markiert nicht nur das Ende der DDR, sondern der kommunistischen Diktaturen in Ost-Europa insgesamt.