Regensburg & Landkreis

„Demenz hat unser Leben total verändert“ Waschen, kochen, Verbände wechseln - wer seine Angehörigen zuhause pflegt, dem droht die Armutsfalle

Symbolbild: GordonGrand/Fotolia.com

Regensburg – Alles fing mit einem Schlaganfall an. Dann folgte jene Diagnose, die das Leben der beiden Regensburger für immer verändern sollte: Hanna hat Demenz. Für Theo mehr als ein Schlag in die Magengrube. Nicht nur, dass der 60-Jährige tatenlos dabei zusehen muss, wie sich seine Ehefrau täglich immer mehr verändert, es droht zudem die Altersarmut. Dabei waren beide zeit ihres Lebens am Schuften.

Von Mario Hahn

Theo und Hanna heißen im realen Leben ganz anders. Beiden ist es aber peinlich, ihre Probleme so öffentlich darzulegen. „Mich kennen viele Leute, ich will nicht, dass die alle zum Ratschen anfangen“, erklärt Theo den Wunsch, nicht seinen richtigen Namen in der Zeitung zu lesen.
Verständlich. Doch ist die Situation, in der sich die beiden befinden, in Deutschland mittlerweile trauriger Alltag. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben gegenwärtig rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Die meisten von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Jahr für Jahr treten mehr als 300.000 Neuerkrankungen auf. Infolge der demografischen Veränderungen kommt es zu weitaus mehr Neuerkrankungen als zu Sterbefällen unter den bereits Erkrankten. Aus diesem Grund nimmt die Zahl der Demenzkranken kontinuierlich zu. Im Jahr 2050 könnten es drei Millionen sein.
Und eine davon ist Hanna. Vor vier Jahren erlitt sie einen Schlaganfall. Sie kam wieder auf die Füße, konnte bald auch wieder mit dem Auto durch die Gegend fahren. Doch die Demenz kam – auf schleichenden Pfoten. Theo erinnert sich: „Das erste Mal, als ich dachte, hier stimmt doch was nicht, war beim Autofahren. Hanna, eigentlich eine sichere Fahrerin, wurde immer verwirrter. Wenn ich zu ihr sagte, dass wir bei der nächsten Kreuzung nach links abbiegen müssen, hat sie nicht gewartet, bis es soweit ist, sondern hat sofort nach links gezogen. Zum Glück passierte kein Unfall.“
An Demenz hat Theo zunächst nicht gedacht. „Früher waren die Alten doch auch alle etwas verwirrter, etwas ‚verkalkter‘ eben.“ Der Arzt war anderer Meinung. Die Diagnose Demenz wurde im Januar 2018 gestellt. Und seitdem ist kein Tag mehr so wie früher.
Innerhalb kurzer Zeit wurde Hanna von der Pflegestufe 2 auf 4 hochgestuft. 5 ist die höchste Stufe. In diese werden Personen eingestuft, die die schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung aufweisen.
Theo pflegt seine Hanna in den eigenen vier Wänden. Fast drei Viertel der Pflegebedürftigen in Deutschland werden zuhause betreut. Denn hier finden sie ihr vertrautes Umfeld vor. Im Fall von Hanna auch ihre geliebten Katzen oder ihr Schoßhund. Ab und an, so sagt Theo, hat sie auch ihre hellen Momente. „Deshalb bleibt sie, solange es geht, hier und geht nicht ins Altenheim.“
Mit der Entscheidung hat sich Theo einen Full-Time-Job aufgebürdet. „Sie braucht rund um die Uhr Hilfe. Beim Essen muss ich alles klein schneiden, die Hygiene klappt nicht mehr alleine, beim Spazierengehen muss jemand dabei sein, nicht dass sie sich verläuft.“ Die Kinder helfen auch mit, insbesondere der Sohn, sodass Theo „zwei bis drei Mal die Woche für zwei Stunden eine Auszeit“ hat: „anders wäre das gar nicht machbar“.
Zur Arbeit muss Theo ja auch noch. Nach vierzig Arbeitsjahren steht die Rente erst bevor. Wegen der Betreuung kann er aber nur noch ein Drittel der üblichen Zeit arbeiten. „Natürlich verdiene ich auch ein Drittel weniger.“ Zum Glück zeigt der Chef Verständnis für die Situation.
Es gibt zwar Pflegegeld für Hanna, das würde aber bei weitem nicht die entstandene Lücke schließen. Inzwischen wurde fast das gesamte Ersparte aufgebracht.
Theo und Hanna droht nun die Altersarmut. Was würde er sich wünschen, wenn er einen Wunsch frei hätte? „Natürlich, dass die Hanna wieder gesund wird. Das ist aber unmöglich. Deshalb würde ich mir wünschen, dass unser Staat Normalbürger wie uns nicht im Stich lassen würde. Wir beide haben 80 Jahre ins System eingezahlt – und für was? Wenn wir Hilfe brauchen, ist keiner da.“ Folgerichtig ist er auf die Politik nicht gut zu sprechen. „Frau Merkel sagte letztes Jahr in einem Stern-Interview: Die ‚pflegenden Angehörige sind die Helden des Alltags‘. Leere Worte, davon merke ich gar nichts!“

Was sind die ersten Hinweise auf eine Demenzerkrankung?

Demenz ist der Überbegriff für unterschiedliche Erkrankungen des Gehirns, z. B. der Alzheimer-Erkrankung. Kennzeichnend sind Einschränkungen von Gedächtnis, Orientierung und Alltagskompetenzen. Der Beginn ist schwer erkennbar, eher langsam, unmerklich, schleichend. Die Symptome verschlechtern sich im Verlauf über Monate bis Jahre.
Hier eine Reihe von Anzeichen, die auf eine demenzielle Erkrankung hindeuten können. Dabei ist es wichtig, dass die Art der Demenz diagnostiziert wird.
■ Wiederholt wichtige Termine oder Ereignisse vergessen; wieder und wieder nach denselben Dingen fragen
■ Während dem Sprechen häufig nach Wörtern suchen; falsche Wörter verwenden; Wörter und Fragen häufig wiederholen
■ Häufig Gegenstände an ungewöhnliche Orte legen
■ Regelmäßig komplette Gespräche vergessen
■ Rezepte und Beschreibungen nicht mehr verstehen können
■ Finanzen nicht mehr regeln können, komplexere Aufgaben fallen schwer (schriftliche Dinge)
■ Sich an vertrauten Orten nicht mehr zurechtfinden
■ Urteilsvermögen ist eingeschränkt
■ Verminderter Antrieb, Verlust von Interessen, Rückzug (können auch Hinweise auf eine Depression sein)
■ Verhaltensveränderungen (aggressiv) Störungen im Sozialverhalten.

 

Interview mit Maria Kammermeier, der Vorsitzenden der Alzheimer Gesellschaft Oberpfalz e. V..

Foto: Alzheimer Gesellschaft

Maria Kammermeier, Sie wissen bestimmt, wohin ich mich wenden kann, um im Demenz-Fall Hilfe zu erhalten.
Beratung gibt es z. B. bei der Alzheimer Gesellschaft, Seniorenamt, Fachstellen für pflegende Angehörige. Bei jeder Krankenkasse gibt es Pflegeberater. Auch Wohlfahrtsverbände bieten Beratung an. Eine Angehörigenselbsthilfegruppe kann eine große Entlastung darstellen. Hier erfahren Angehörige, welche professionellen und ehrenamtlichen Unterstützungsangebote es gibt. Sie können sich mit Menschen in einer ähnlichen Situation austauschen. Ehrenamtliche Helferinnen betreuen die erkrankte Person für einige Stunden in der Woche und entlasten die Angehörigen. Tagespflegeeinrichtungen aktivieren Betroffene mit therapeutischen Angeboten, sozialer Teilhabe und einen strukturierten Tagesablauf. Für 28 Tage im Jahr kann die erkrankte Person Kurzzeit- bzw. Verhinderungspflege in Anspruch nehmen, so-dass die pflegenden Angehörigen während dieser Zeit z. B. Urlaub machen können. Auch die Inanspruchnahme eines ambulanten Pflegedienstes bei der Grundpflege kann pflegende Angehörige enorm entlasten.

Essentiell ist die Pflege. Doch fehlt deutschlandweit geschultes Pflegepersonal. Wie bewerten Sie die Situation ?
Die Personalknappheit in Pflegeberufen ist bereits jetzt eklatant. Die Tendenz ging schon vor längerer Zeit in diese Richtung. Die demographische Entwicklung führt dazu, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen weiter erhöht und damit in Zukunft noch mehr Pflegekräfte fehlen, als dies bereits jetzt der Fall ist. Das negative Image der Pflegeberufe trägt nicht dazu bei, dass viele junge Menschen in diesen Beruf gehen wollen. Die Bezahlung ist ein Faktor, aber nicht der einzige. Wichtiger wäre eine deutliche Verbesserung des Personalschlüssels, um die Arbeitsbelastung zu reduzieren. Die zusätzliche Belastung, ungeplante Dienste für erkrankte Kollegen/innen übernehmen zu müssen würde damit wohl verringert werden. Ein weiterer Lösungsansatz liegt auch noch in der Reformierung der Pflegeausbildung. Inwieweit hier Pflegeroboter Entlastung bieten, muss man sehen. Ethische Fragestellungen müssen diskutiert werden. Einen einfachen Weg aus dem Dilemma sehe ich hier nicht.

Viele Angehörige pflegen die Betroffenen zuhause. Das ist meist mit finanziellen Einbußen verbunden. Wird deren Arbeit nicht genug wertgeschätzt?
Hier geht es einerseits um eine gesellschaftliche Anerkennung und andererseits um finanzielle Unterstützung. Wertschätzung ist ein subjektives Gefühl. Daher lässt sich nicht verallgemeinern, ob die gesellschaftliche Anerkennung ausreichend ist. Wenn Angehörige sich entscheiden, ein Familienmitglied zu pflegen, können sie über die Pflegeversicherung Hilfen und Leistungen erhalten. Anspruch auf das Pflegegeld hat jedoch die pflegebedürftige Person. Diese kann das Geld als finanzielle Anerkennung weitergeben. Ab Januar 2017 werden Rentenbeiträge für Pflegepersonen, die Pflegebedürftige ab Pflegegrad 2 mindestens zehn Stunden wöchentlich, verteilt auf mindestens zwei Tage, pflegen bezahlt. Der Rentenbeitrag steigt mit dem Pflegegrad. Für pflegende Angehörige, die der Pflege wegen aus dem Beruf aussteigen, werden Beiträge zur Arbeitslosenversicherung entrichtet. Seit 2016 haben auch die Angehörigen einen Anspruch auf Pflegeberatung. In Bayern wird seit 2018 Landespflegegeld zusätzlich das Landespflegegeld in Höhe von jährlich 1.000 Euro bezahlt. Dieser nicht steuerpflichtige Betrag soll als Anerkennung verstanden und damit das Engagement der pflegenden Angehörigen gewürdigt werden.

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