Der Regensburger Bürgermeister a. D. Gerhard Weber über die bevorstehende „Schicksalswahl“ am 26. Mai „Europa nicht seinen Feinden ausliefern...“

Regensburg – Das Rampenlicht war ihm stets suspekt, in allervorderster Front zu stehen nicht sein Ding. Dennoch hat er sich nie davor gescheut, Verantwortung zu übernehmen und einen Großteil seines Lebens der kommunalen Politik gewidmet: Gerhard Weber. Der Bürgermeister a. D. der Stadt Regensburg gab dem Blizz zur bevorstehenden Europawahl 2019 ein umfassendes Interview.

Von Mario Hahn

Gerhard Weber, ehemaliger Regensburger Bürgermeister. Foto: Archiv

Blizz: Herr Weber, Sie waren 18 Jahre lang – von 1996 bis 2014 – Bürgermeister von Regensburg. In letzter Zeit aber haben wir von Ihnen – im Gegensatz zu anderen hiesigen Politikern – wenig gehört. Was machen Sie so die ganze Zeit?

Gerhard Weber: Ich bin seit fünf Jahren im Ruhestand und beobachte die Politik auf allen Ebenen aufmerksam. Der langjährige, verdienstvolle OB von Landshut und Präsident des Bayerischen Städtetages, Josef Deimer, hat einmal sinngemäß gesagt: Wenn man nichts mehr zu sagen hat, soll man den Mund halten. Jetzt haben in der Stadt Regensburg andere Politiker etwas zu sagen, sie müssen aber auch die Verantwortung für alles, was sie tun und was sie nicht tun, tragen. Ich bekleide noch einige unbezahlte Ehrenämter, kümmere mich um mein Haus und meinen Garten, treibe viel Sport und besuche interessante kulturelle Veranstaltungen.

Wie bewerten Sie die derzeit populäre „Fridays for Future“-Bewegung?

Das Engagement so vieler junger Menschen für den Klimaschutz, für die Bewahrung der Schöpfung begrüße ich sehr. Es ist besonders glaubwürdig, wenn es in der Freizeit – wie kürzlich in Regensburg – stattfindet und nicht während der Schulzeit. Demonstrieren allein reicht aber nicht: Es ist leicht und billig, Forderungen an andere zu stellen, an die Politik, an die Wirtschaft, an die Gesellschaft. Ich habe große Hochachtung vor Menschen, die selbst für den Umweltschutz etwas tun, z. B. mit Bus oder Fahrrad oder zu Fuß zur Schule zu kommen, auf das neueste Handy oder die neuesten Klamotten zu verzichten oder die Ferien im nahen Bayerischen Wald zu verbringen, statt nach Kuba zu fliegen.

Am 26. Mai steht die Europäische Union vor einer wichtigen Wahl. Doch laut einer aktuellen Umfrage der „Welt“ interessiert die Wahl nur wenige Menschen. Insbesondere die Jugend schwächelt in der Umfrage. Nur 45 Prozent der Befragten interessieren sich für die Europawahl. Woher kommt diese Politikverdrossenheit?

Wählen heißt, die Politik aktiv mitzugestalten. Wählen sollte deshalb der nächste logische Schritt für die „Fridays for Future“-Demonstranten sein. Politikverdrossenheit hat viele Ursachen; ich will nur auf eine hinweisen, die ansonsten kaum angesprochen wird. Unter Demokratie verstehen nicht wenige, dass ihre Meinung und ihre Interessen umgesetzt werden. Demokratie heißt aber, Mehrheit entscheidet! Wenn sie dann zur unterlegenen Minderheit zählen, so wenden sie sich ab, begeben sich in die Politikverdrossenheit. In Deutschland ist jede/jeder von uns eine/einer von 80 Millionen, in Regensburg eine/einer von 160.000 Menschen – und jede/jeder hat seine eigene Meinung. „Jedem recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann“, sagt ein altes Sprichwort.

Ich behaupte mal, dass diese Wahl eine schicksalshafte wird: In welche Richtung wird sich Europa entwickeln? Nach rechts oder nach links?

Die Europawahl ist leider die am meisten unterschätzte Wahl. Das Europaparlament hat mittlerweile so viele Kompetenzen, dass seine Beschlüsse unser aller Alltagsleben stark beeinflussen. Meine Generation hat das unglaubliche Glück, dass wir unser ganzes bisheriges Leben in Frieden, Freiheit und meist auch in Wohlstand verbringen durften. Ohne die europäische Einigung wäre das unmöglich gewesen. Wir würden all das wieder verlieren, wenn die EU scheitern würde. Wir dürfen Europa nicht seinen Feinden von rechts und links ausliefern; diese Gefahr besteht aber. Die Bezeichnung „Schicksalswahl“ ist für die bevorstehende Europawahl folglich uneingeschränkt richtig.

Ist Europa denn gar ein gespaltener Kontinent?

Man kann Europa nicht betrachten, ohne seine Geschichte zu berücksichtigen. Es gibt die wohlhabenderen Länder im Westen und Norden und es gibt die ärmeren Länder im Süden und Osten. Die EU bemüht sich erfolgreich um eine Überwindung dieser Unterschiede, aber was in Jahrhunderten gewachsen ist, kann nicht in wenigen Jahren umgebaut werden. In vielen Ländern scheint auch der materielle Gesichtspunkt vorrangig zu sein: Was hat mein Land, was habe ich von Europa? Die großartige Idee vom vereinigten Europa, von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft für alle Europäer unter Wahrung der Vielfalt unseres Kontinents scheint immer weniger eine Rolle zu spielen.

Mit Manfred Weber, dem Spitzenkandidaten der EVP, greift ein Namensvetter von Ihnen nach der Macht in der EU-Kommission. Kennen Sie den Mann, der nur rund 50 Kilometer von Regensburg in Niederhatzkofen entfernt aufgewachsen ist?

Ich kenne Manfred Weber schon seit vielen Jahren persönlich. Ich schätze ihn als einen überaus kompetenten, zuverlässigen Mann, der seine Entscheidungen sorgfältig überlegt und durchdenkt und dann konsequent umsetzt. Er ist heimatverbunden und zugleich weltoffen. Es wär doch schön, wenn einer von uns Präsident der europäischen Kommission werden würde, wenn wir sagen könnten: „Wir sind Präsident“.

Wagen Sie zum Abschluss bitte eine Prognose: Wo sehen Sie Europa in 20 Jahren?

Lassen Sie mich träumen: Die EU hat die schweren Krisen aus dem ersten Viertel des 21. Jahrhunderts überwunden. Aus der EU-Kommission ist eine europäische Regierung geworden, demokratisch gewählt vom europäischen Parlament. Die Europäer spielen eine bedeutende Rolle in der Weltpolitik und können sich gegenüber China, USA und Russland politisch, wirtschaftlich und militärisch behaupten. Großbritannien ist in die EU zurückgekehrt. Die EU wächst auch innerlich immer mehr zusammen. Die meisten Menschen sind stolz darauf, Europäer zu sein.

Herr Bürgermeister a. D. Gerhard Weber, vielen Dank für das informative Gespräch.


Leben und Wirken von Gerhard Weber

  • Gerhard Weber ging in Regensburg in die St.-Wolfgang-Schule und in das Albrecht-Altdorfer-Gymnasium und schloss sein Studium als Diplom-Verwaltungswirt ab. Nach einigen Jahren am Verwaltungsgericht Regensburg wirkte Weber von 1974 an bis 1996 als Leiter der Verwaltung des Marktes Regenstauf und absolvierte daneben noch ein Studium an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Ostbayern.
  • Über die Junge Union kam Weber 1970 zur CSU. 1978 wurde er erstmals in den Stadtrat gewählt und war dort von 1990 bis 1996 Vorsitzender der CSU-Fraktion. Von 1996 bis 2014 bekleidete er das Amt des 2. Bürgermeisters, danach schied er aus dem Stadtrat aus.
  • Gerhard Weber war von 1999 bis 2012 stellvertretender Landesvorsitzender der Kommunalpolitischen Vereinigung der CSU. Bis heute gehört er dem Bundesvorstand der KPV von CDU/CSU an. Zudem ist er in mehreren Vereinen ehrenamtlich engagiert.
  • Im Jahr 2014 bekam Gerhard Weber die Goldene Bürgermedaille der Stadt Regensburg überreicht. Diese Auszeichnung wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich um das Wohl oder das Ansehen der Stadt Regensburg hervorragende Verdienste erworben haben. Außerdem
    ist Weber seit 2015 Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande.

Claudia Böhm

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