„Die Unsicherheit ist unser größter Feind“ Was Regensburgs Altstadthotels besonders belastet

Regensburg – Die Corona-Pandemie hat der Tourismusbranche ein hartes erstes Halbjahr beschert: Rund 131.000 Gäste haben Regensburg besucht – das sind 53 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die Zahl der Übernachtungen sank um 53 Prozent auf etwa 231.000. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit und beruft sich dabei auf Zahlen des Statistischen Landesamtes. Wie gehen die Hoteliers in der Domstadt damit um?

Von Claudia Böhm

„Die Pandemie hat zu einer beispiellosen Krise im heimischen Gastgewerbe geführt. Erst mussten Hotels, Gastwirtschaften, Biergärten und Restaurants über viele Wochen ganz zusperren. Und nach dem Lockdown läuft der Betrieb unter Auflagen nur langsam wieder an“, sagt Rainer Reißfelder, Geschäftsführer der NGG-Region Oberpfalz.
Unter der Situation leiden aber nicht nur die Unternehmen. Auch für Köche, Kellner und Hotelangestellte sind die Auswirkungen dramatisch. Als Kurzarbeiter mussten sie deutliche Lohneinbußen in Kauf nehmen – „in einer Branche, die ohnehin nur geringe Löhne zahlt“, betont Reißfelder. Nach dieser „Durststrecke“ blickten viele Beschäftigte nun mit Sorge auf die Herbst- und Wintersaison. Nach Angaben der Arbeitsagentur beschäftigt das Hotel- und Gaststättengewerbe in Regensburg rund 6.500 Menschen.

Sabine Thiele, Regensburg Tourismus GmbH. Foto: Peter Ferstl/RTG

Die Regensburg Tourismus GmbH stellt fest, dass besonders die Hotellerie und die gesamte Veranstaltungsbranche von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen sind. Einerseits fallen nach wie vor die übernachtenden Städtereisenden weg, andererseits sind es aber auch die fehlenden Geschäftsreisenden oder Besucher von Festivals, Events, Konzerten etc., die bis dato für die starken Einbrüche in diesem Bereich verantwortlich zeichnen. Nicht mehr ganz so stark betroffen ist die Gastronomie, für sie sehen die Zahlen etwas erfreulicher aus – sie profitiert von Tagesgästen und erweiterten Freischankflächen, die Gäste u. a. wegen des guten Sommerwetters gerne nutzten.

Regensburg Tourismus GmbH | 23.09.2020

Blizz: Welche Rückmeldungen haben Sie von Hotels, Gaststätten und anderen touristischen
Einrichtungen erhalten?
RGT: Anders als in ländlichen Regionen, die in der aktuellen Situation zu den „Gewinnern“ des
nationalen Tourismus zählen, ist die Situation im Städtetourismus schwierig. Besonders betroffen
sind hier die Hotellerie und die gesamte Veranstaltungsbranche – durch den Wegfall von
Geschäftsreisen, Kongressen oder sonstigen (größeren) Events, auch im Kulturbereich. Das trifft so
auch für Regensburg zu.
Nicht mehr ganz so stark betroffen ist die Gastronomie, für sie sehen die Zahlen etwas erfreulicher
aus – sie profitiert von Tagesgästen und erweiterten Freischankflächen, die Gäste u.a. wegen des
guten Sommerwetters gerne nutzten. Die vergangenen drei Monate waren für die Regensburger
Hotellerie dennoch etwas besser als erwartet, da viele Freizeitreisende ihren Aufenthalt in der
Welterbestadt auch mit einer Radtour auf dem Donauradweg verbanden und unserer Empfehlung
folgten, Ausflüge in die umliegende Region zu unternehmen.
Welcher Bereich in Stadt und Landkreis Regensburg war/ist Ihrer Meinung nach besonders
betroffen?
Besonders betroffen von den Auswirkungen der Corona-Pandemie sind die Regensburger Hotellerie
und die gesamte Veranstaltungsbranche. Einerseits fallen nach wie vor die übernachtenden
Städtereisenden weg, andererseits sind es aber auch die fehlenden Geschäftsreisenden oder
Besucher von Festivals, Events, Konzerten etc., die bis dato für die starken Einbrüche in diesem
Bereich verantwortlich zeigen. Diese Zahlen konnten nicht kompensiert werden.
Können Sie dennoch positive Seiten an der Situation erkennen? Gab es irgendwelche
vielversprechenden Innovationen (z.B. in Richtung Digitalisierung)?
„Not macht erfinderisch“ – das gilt auf alle Fälle auch für den Regensburger Tourismus während der
Corona-Pandemie. Mit kreativen Ideen versuchten die Betriebe bereits während des Lockdowns die
Gästezahlen „anzukurbeln“ und ergriffen hierzu teils sehr ideenreiche Eigeninitiativen.
Regensburg Tourismus selbst hat mit seiner groß angelegten Kampagne „Gönn dir Regensburg“ die
einheimische Bevölkerung animiert, ihre Stadt einmal neu zu entdecken und sich „Urlaub zuhause“
zu gönnen. Eine Kampagne, die die lokale Wirtschaft beleben sollte und auch für die
Tourismusakzeptanz im Rahmen des Handlungsfelds 1 des Tourismuskonzepts beitrug. Diese
Initiative wurde von den Regensburgern positiv angenommen.
Im Rahmen des Regensburger Tourismuskonzepts steht im Handlungsfeld 4 und 6 das Thema
„Digitalisierung“ als eines unserer Hauptziele – dies betrifft schwerpunktmäßig auch den Bereich
MICE. Mit digitalen Events und hybriden Veranstaltungen setzen wir Alternativen zu
Präsenzveranstaltungen und konnten so frühzeitig bereits neue Impulse setzen. Den
Digitalisierungsprozess, der aufgrund von Corona verstärkt angeschoben wird, unterstützen wir
bereits seit Jahren und nutzen diesen positiven Nachfrage-Trend jetzt auch, um digitale ServiceAngebote noch schneller voranzutreiben. Auf unserer Website www.tourismus.regenburg.de haben
wir z.B. unter „Sommer 2020“ alle unter Corona-Bedingungen derzeit realisierbaren touristischen
Aktivitäten gebündelt, aktualisieren diese ständig, hinterlegen wichtige Informationen für unsere
Gäste oder ermöglichen Online-Akkreditierungen.
Ihre Einschätzung, wie sich das Gastgewerbe in naher Zukunft weiterentwickelt?
Bereits vor Corona spielte das Thema „Klimaschutz“ und Nachhaltigkeit eine große Rolle. Jetzt, durch
– oder sagen wir auch dank – Corona spielt Nachhaltigkeit eine besondere Rolle. Wir konsumieren
anders, reflektieren über Mobilität, schätzen Regionalität und reisen anders. Zukünftig werden die
Menschen anders reisen – nachhaltiger. Wer heute die Weichen für eine nachhaltige Wirtschaft
stellt, ist bestens für die Zukunft gerüstet.
Nachhaltigkeit steht bei Regensburg Tourismus mit an erster Stelle unseres Engagements, es ist im
Tourismuskonzept fest verankert und Garant für die Zukunftssicherung der Stadt.
Gerade erst haben wir die touristischen Betriebe der Stadt zu einer Auftaktveranstaltung ins
marinaforum gebeten. Wir wollen möglichst viele Hotels, Gastronomen und andere touristische
Betriebe davon überzeugen, an einem breit angelegten Zertifizierungsprozess teilzunehmen. Unser
Ziel ist, dass die gesamt Stadt Regensburg bis 2022 von TourCert, einem auf Nachhaltigkeit im
Tourismus spezialisierten Prüf-Gremium, zertifiziert wird.
Auf unserer jüngst lancierten Website www.regensburg-nachhaltig.de finden Reisende – und
natürlich auch Einheimische – eine breite Übersicht, welche nachhaltig geprägten touristischen
Angebote sie in der Welterbestadt nutzen können. Mit dieser Website sind wir übrigens eine der
ersten Städte in Deutschland, die digital, gebündelt und mit einer klaren Aussage das Thema
Nachhaltigkeit nach außen kommuniziert.

Stephanie Birnthaler (Hotels Goliath am Dom, David und Dock1) musste ihre Häuser mehr als zwei Monate komplett schließen. Maßnahmen wie Kurzarbeit, Stundung von Krankenkassenbeiträgen und Mieten und sogar Verzicht auf das eigene Gehalt waren unumgänglich. Ihrer Meinung nach ist die Krise noch lange nicht überwunden und die umsatzschwachen Monate Januar bis März stünden bevor, ohne dass dafür finanzielle Reserven hätten aufgebaut werden können. Dennoch: „Die Mitarbeiter und wir sind noch enger zusammengerückt.“

Stephanie Birnthaler, Hotels Hotels Goliath am Dom, David und Dock1 | 23.09.2020

Blizz: Welche Konsequenzen hatte die Krise bisher für Sie/Ihr Haus?
Stephanie Birnthaler: Wir hatten unsere Hotels mehr als zwei Monate komplett geschlossen. Die
Mitarbeiter waren in dieser Zeit in Kurzarbeit, aber hohe Fixkosten wie Miete, Sozialabgaben fürsorglich
Mitarbeiter usw. sind trotzdem weitergelaufen
Mit welchen Maßnahmen haben Sie gegengesteuert?
In erster Linie Kurzarbeit, Stundung der Krankenkassen Beiträge, Stundung eines Teiles der Mieten,
Verzicht aufs eigene Gehalt
Können Sie der Situation dennoch etwas Positives abgewinnen?
Die Mitarbeiter und wir sind noch enger zusammengerückt, wir haben in der Zeit der Schließung das
Goliath zum Teil mit vorhandenen Mitteln verschönert
Ihre Einschätzung, wie sich das Gastgewerbe in Regensburg in naher Zukunft weiterentwickelt?
Wir haben die Krise meiner Meinung nach noch lange nicht überwunden. Zimmer, die wir in den vergangenen Wochen und Monaten nicht verkauft haben, können wir nicht nachträglich verlaufen, Verluste nicht aufholen,
Und die umsatzschwachen Monate Januar bis März sind schnell da, ohne dass man, wie sonst, dafür
finanzielle Reserven aufbauen.

Kathrin Fuchshuber, Hotel Münchner Hof und Blauer Turm. Foto: privat

Kathrin Fuchshuber vom Hotel Münchner Hof und Blauer Turm sorgt sich besonders um ihre Angestellten, die teilweise bis heute in Kurzarbeit sind. Auch das extrem kurzfristige Buchungsverhalten belastet den Betrieb: „Wir wissen manchmal am Freitag Vormittag noch nicht, wie viele Gäste wir am Samstag zum Frühstück haben. Generell ist die Unsicherheit unser größter Feind.“

Kathrin Fuchshuber vom Hotel Münchner Hof und Blauer Turm | 23.09.2020

Blizz: Welche Konsequenzen hatte die Krise bisher für Sie/Ihr Haus?
Kathrin Fuchshuber: Wir mussten im April und Mai das Hotel schließen und der Anlauf im Juni war
eine Katastrophe. Die Mitarbeiter waren im April und Mai in Kurzarbeit 0 und sind bis heute zum Teil
in Kurzarbeit. Das Buchungsverhalten wird extrem kurzfristig. Das bedeutet für das ganze Team
höchste Flexibilität. Wir wissen manchmal am Freitag Vormitttag noch nicht wie viele Gäste wir am
Samstag zum Frühstück haben. Ende Juli fehlten 2/3 des Jahresumsatzes. Wir haben eine
Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern, dieser Verantwortung möchte ich gerecht werden.
Generell ist die Unsicherheit unser größter Feind – vor allem für meine Mitarbeiter. Einmal die
Woche werde ich gefragt: „Kathrin, wir schaffen das, oder?“ Und einmal die Woche sage ich: „Wenn
es wir nicht schaffen, dann schafft es keiner.”
Mit welchen Maßnahmen haben Sie gegengesteuert?
Kostenreduzierung in den Monaten in denen wir geschlossen haben und bei der Wiedereröffnung die
höchsten Sicherheit- und Hygienestandards für unsere Gäste und uns selbst. Dies bedeutet allerdings
einen hohen persönlichen zeitlichen Einsatz. Denn auf Grund der geringeren Buchungssitiuation
können wir für den personellen Mehrbedarf zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen niemanden
einstellen, hier ist die ganze Familie gefragt.
Können Sie der Situation dennoch etwas Positives abgewinnen?
Ja, wir sind jetzt gefordert uns neu zu erfinden. “Gast rein, Gast raus“, übertrieben gesprochen, ist
Geschichte. Reisen wird anders wahrgenommen, die Gäste haben neue Ansprüche an
die Touristiker und an sich selbst: Qualität statt Quantität. Klasse statt Masse. Persönliche Ansprache.
Bewusst und achtsam Reisen. Auffallend ist, dass wir weniger „gestresste“ Gäste haben und ein
hohes Verständnis, wenn auch einmal jemand warten muss.
Ihre Einschätzung, wie sich das Gastgewerbe in Regensburg in naher Zukunft weiterentwickelt?
Meine Einschätzung ist, dass es sehr sehr spannend wird. Wir haben zu Corona eine dramatische
Überkapazität an Zimmern und Betten. Wir haben einen Einbruch von 53% der Übernachtungen zum
Vorjahr. Mit all den neuen Bettenkapazitäten bräuchten wir aber nicht knapp über 1 Mio
Übernachtungen wie in 2019, sondern zum bisher prognostizierten Wachstum von ca. 3,5% pro Jahr
knapp 300 000 Übernachtungen zusätzlich, damit die Auslastung nicht sinken würde. Was nun ein
Einbruch von 53% der Übernachtungen für jedes einzelne Hotel bedeutet kann sich jedermann selbst
ausrechnen.
Um bildlich zu sprechen:
Vor Corona haben wir gesagt: „Der Kuchen bleibt gleich groß, aber die Stücke werden kleiner.“ Nun,
leider ist der Kuchen zum Muffin geworden.
Unser AltstadtQuartier Hotel Münchner Hof ist ein Nischenhotel und in der dritten Generation
inhabergeführt – wir werden überleben – viele anderen wertvolle Kollegen, die seit Jahrzehnten mit
das Gesicht von Regensburg sind, nicht. Das macht mich traurig und auch wütend, denn auch ohne
Corona hätten wir diesen Trend miterleben müssen. Corona ist jetzt der „Brandbeschleuniger“.

Auch Armin Günther vom Hotel Castle blickt besorgt in die Zukunft: „Die Krise hat die Rücklagen mehr als aufgefressen und das erste Quartal 2021 wird spannend, da es nicht gelingen wird, in diesem Jahr großartig neue Rücklagen zu bilden.“ Durch die neuen Hotels in Regensburg sei man zwar darauf vorbereitet gewesen, den „Kuchen“ durch mehr teilen zu müssen, doch sei durch Corona aus dem Kuchen ein Muffin geworden. „Ich bin froh, mit meinem kleinen Hotel nicht auf die weggefallenen Gruppen- und Tagungsgäste angewiesen zu sein und hoffe, dass wir die Vielfalt der Hotels auch in den nächsten Jahren noch erhalten können.“

Armin Günther, Hotel Castle | 23.09.2020

Blizz: Welche Konsequenzen hatte die Krise bisher für Sie/Ihr Haus?
Armin Günther: Die Krise hat die Übernachtungszahlen im Hotel tatsächlich im ersten Halbjahr um
fast 60% einbrechen lassen. Im Juli und im August haben sich die Zahlen soweit normalisiert,
dennoch hat die Krise die Rücklagen mehr als aufgefressen und das erste Quartal 2021 wird in
Hinblick auf diese fehlenden Rücklagen spannend, da es nicht gelingen wird in diesem Jahr großartig
neue Rücklagen zu bilden.
Mit welchen Maßnahmen haben Sie gegengesteuert?
Die Fixkosten wurden durch Kurzarbeit, Ausstellung von geringfügigen Kräften und Stundung der
Miete verringert. Selbst arbeite ich wie viele meiner Kollegen täglich und kompensiere so gut wie
möglich die fehlenden Kräfte.
Können Sie der Situation dennoch etwas Positives abgewinnen?
Durch die Situation ist mein Familienleben wieder mehr in den Vordergrund gerückt und ich nehme
meine Freizeit bewusster wahr und genieße sie intensiver.
Ihre Einschätzung, wie sich das Gastgewerbe in Regensburg in naher Zukunft weiterentwickelt?
Durch die neu hinzukommenden Hotels wussten wir im Hotelverein schon letztes Jahr, dass der
“Kuchen” durch mehr geteilt werden muss und die Stücke kleiner werden. Nun ist durch die Krise der
Kuchen nur noch ein Muffin und ich befürchte dass dies die Situation in den schwachen Monaten
November, Januar, Februar und März noch zusätzlich verschärft. Ich bin froh mit meinem kleinen
Hotel nicht auf die weggefallenen Gruppen- und Tagungsgäste angewiesen zu sein und hoffe, dass
wir die Vielfalt der Hotels auch in den nächsten Jahren noch erhalten können.

 

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Mario Hahn

Ich bin Redakteur beim Blizz, Ihrer Wochenendzeitung für Regensburg und Umgebung.

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