Dr. Erwin Hammerl, Chef von Infineon Regensburg, über die USA, seinen Job und die Fliegerei

Aktualisiert vor 3 Jahren von Mario Hahn

Innovativer Manager der digitalen Zukunft

Interessante Einblicke im Blizz-Redaktionsgespräch mit Dr. Erwin Hammerl, Chef von Infineon Regensburg

Er ist gewiss ein kluger Kopf, auch wenn er es nicht so gerne hört: Dr. Erwin Hammerl, Sprecher der Betriebsleitung von Infineon Regensburg und somit verantwortlich für mehr als 2.500 Mitarbeiter. Im Gespräch mit den Redakteuren Mario Hahn und Matthias Dettenhofer gibt der promovierte Diplom-Physiker interessante Einblicke aus seinem Leben, Beruf und Politik.

Seine Vita: beeindruckend. Als junger Mann, ganz frisch den Diplomtitel in der Tasche, wagte Dr. Erwin Hammerl den Sprung über den großen Teich in die Vereinigten Staaten von Amerika an die Princeton Universität in New Jersey, einer der renommiertesten Unis der Welt (von ihr gingen zig Nobelpreisträger aus. Einer davon, Daniel Chee Tsui, unterrichtete ihn sogar).

Blizz: Dr. Hammerl, wie empfanden sie damals die Zeit zwischen Diplom und Promotion in Princeton?
Dr. Hammerl: Äußerst interessant. Von der Ausbildung her, natürlich, aber auch von der familiären Seite. Es gab dort anspruchsvolle Themen und wirklich blitzgescheite Leute, die man so gebündelt schwer woanders findet. Auf gut Deutsch: Da drüben geht was! Familiär war es auch super. Wir, meine Frau und ich, gingen zu zweit rüber und kamen zu dritt wieder her. Es stellte sich Nachwuchs ein. Leider war es in den USA als Forschungsstipendiat zeitlich und wirtschaftlich mit einer kleinen Familie schwer, deshalb bin ich zum Promovieren (in Elektrotechnik; Anm. d. Red.) wieder nach Deutschland gegangen.

Wie waren die USA? Wie waren die Menschen?
Man muss differenzieren, wo man in den USA lebt. Ich bin jetzt nicht in den Mittleren We-sten gekommen, aufs Land, sondern an einen Ort, der schon damals von der Internationalität gelebt hat. Es war also kein ganz klasssicher us-amerikanischer Ort, sondern schon ein globalisierter. Von daher war die Atmosphäre super, die Aufnahme war sehr gut. Es war beinahe ideal. Die Menschen waren sehr offen. Jeder redet dich an: Wie geht es dir? Wir würden hier sagen: Willkommenskultur.
Blickt man  tiefgründiger, stellt man  fest, dass vieles oberflächlich ist. Das liegt daran, dass der Amerikaner statistisch gesehen sehr oft umzieht; im Schnitt zehn Mal. Also, warum soll er wahnsinnig viel in Beziehungen investieren, wenn er weiß, dass er bald wieder weg ist?! Bei uns in Deutschland ist das etwas anders. Nehmen wir mal Regensburg: Viele studieren hier, arbeiten und bleiben hier. Man investiert viel mehr in Vereine, in Beziehungen. Man baut ein Haus. Die Amerikaner haben eben eine andere Kultur, die dadurch aber nicht schlechter ist.

Man könnte meinen, mit Präsident Donald Trump hat sich die Stimmung in den USA massiv gewandelt.
Massiv gewandelt? Ich glaube nicht. Auch nicht, dass sie sich massiv wandeln wird. Was Donald Trump jetzt macht: er polarisiert, er verstärkt Stimmungen. Und er spricht natürlich, mit dem, was er sagt, ein ganz bestimmtes Klientel an, das schon lange nicht mehr angesprochen wurde. Er wird die USA kulturell nicht grundlegend verändern, er verspricht Leuten, die ihren Job verloren haben, zu helfen. Ob es ernste Absicht ist, weiß ich nicht. Nehmen wir die Kohleindustrie. Wird er sie wieder salonfähig machen? Nein. Kann er auch nicht. Dazu ist die internationale Konkurrenz, insbesondere aus Asien, zu groß. Deshalb brauchen die USA diese Industrie nicht mehr. Aber: Die USA ist ganz stark in Hightech. Stichwort Silicon Valley. Ich würde diese Industrie stärken.

„America First“ – danach handelt Trump. Hat dies Auswirkungen auf Infineon?
Ein Beispiel: Infineon hatte den Zukauf einer Firma geplant – es war quasi fünf vor zwölf. Die US-Behörden legten aber im Februar ein Veto ein. Ich vermute, das war bereits während Barack Obamas Amtszeit initiiert. Aber wird sich unter Trump was für Infineon ändern? Wird es wirt-schaftliche Nachteile geben? Ich glaube nicht. Vielmehr sehen wir derzeit, dass sich viele Länder mehr und mehr auf sich konzentrieren. Sie fragen sich, was sind unsere Kernkompetenzen – und geben wir sie so leicht her?

Weg von der großen Politik, hin zum Kerngeschäft: Infineon. Das Unternehmen steht mittlerweile auf drei Säulen: Industriegeschäft, Automobil, Sicherheit.
Das stimmt, wir machen mit unseren Produkten das Leben unserer Gesellschaft einfacher, sicherer und grüner. Energieeffizienz fängt beim Verbraucher an, z.B. beim Netzteil fürs Handy und geht bis zu industriellen Netzteilen, zu Industriemotoren, Antrieben für Straßenbahnen und E-Busse. Auch die Erzeugung regenerativer Energien gestalten wir mit. Windkrafträder, Photovoltaikumsetzer oder Stichwort „Schnelles Laden“ von Elektroautos – auch hier werden unsere Bauelemente verbaut. Im Automobilen Bereich finden sich unsere Produkte durchweg; Airbag-Sensorik, Motorsteuerung, Autonomes Fahren bis zum modernen Infotainment-System. Kurz: Mikroelektronik ist die Schlüsseltechnologie für die Fragen der Zukunft.

Wie viel Prozent Infineon stecken im modernen Auto?
In einem modernen Automobil stecken bis zu 100 vernetzte Steuergeräte und tausende von Elektronikbauteilen. Leistungsfähige Steuergeräte sind die Grundlage für Fahrkomfort und Sicherheit.

Das Infineon-Werk in Regensburg
Foto: Infineon

Bei Infineon hat der Standort Regensburg die Sonderrolle des Innovationstreibers. Hier werden neue Produkte entwickelt, Fertigungsverfahren erdacht und er-probt; bis zur Massenproduktion, die in Asien oder woanders kostengünstig stattfindet.

Ist Regensburg das Hirn des Unternehmens?
Das wäre vermessen, bei 19 Fertigungs- und 34 Forschungs- und Entwicklungsstandorten sowie bei mehr als 36.000 Mitarbeitern zu behaupten. Aber Regensburg zeichnet aus, der einzige Standort zu sein, der Chip-Fertigung und Packaging – also den Chip einsatzbereit ma-chen und adäquat zu verpacken – unter einem Dach hat.

Was entwickeln Sie außer dem Abstandsradar noch?
Bausteine für Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Dazu gibt es immer eine intensive Material-forschung. Ein großes Thema ist die Sensorik, Reifendrucksensoren zum Beispiel.

Infineon investierte kürzlich 100 Mio. Euro in Regensburg, u.a. für die „Erweiterung Halle 17“. Was macht den Standort so erfolgreich?
Hier arbeiten einfach viele motivierte Menschen zusammen! Und unsere Produkte sind gefragt: So sind für die Energiewende Infineon-Halbleiter unerlässlich. Auch die Rahmenbedingungen passen. Das ist gewiss der Zusammenarbeit von Stadtverwaltung, Industrie und Hochschulen zu verdanken. Gerade letztere versorgen die Unternehmen mit hervorragend ausgebildeten Nachwuchskräften. Ein dickes Lob gebührt auf jeden Fall der hiesigen Industriepolitik.

Eines Ihrer großen Hobbies ist Segelfliegen. Wie oft kommen Sie noch dazu?
Leider nicht mehr so häufig, wie ich gerne würde. Aber die Zeit nehme ich mir schon noch. Das ist wichtig. Wenn ich die Cockpit-Haube schließe, dann bin ich ganz alleine für mich. Ich bin für alles, was ich tue, verantwortlich und genieße die absolute Ruhe. Das ist meine Erholungsoase, mein Energiespender. Zeit um an die Arbeit zu denken habe ich da nicht, weil man schon genau aufpassen muss. Fliegen ist wie ein dreidimensionales Schachspiel mit der Natur!

Hat die Fliegerei einen Mehrwert für Ihre Arbeit?
Eine ganze Menge! Sitz man am Steuerknüppel, ist man eindeutig verantwortlich. Schnelles und richtiges Einschätzen einer Situation und entsprechende Reaktion müssen unmittelbar folgen. Gerade beim Ausfall von Instrumenten muss man sich auf seine eigenen Fähigkeiten und sein Baugefühl verlassen können, den Blick auf die gesamte Situation erhalten und Detailversessenheit ablegen.

Dr. Hammerl, danke sehr für das äußerst kurzweilige Gespräch.

Mario Hahn

Ich bin Redakteur beim Blizz, Ihrer Wochenendzeitung für Regensburg und Umgebung.

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