Regensburger Tafel: Jeder vierte Kunde ist Rentner!

Aktualisiert vor 3 Jahren von Mario Hahn

Regensburger Tafel: In nur 21 Jahren von 25 auf 5.000 Bedürftige

Lebensmittel für die Ärmsten / Alte und Asylbewerber stellen den größten Kundenanteil

Regensburg – Franziska*, Olga und Iman könnten unterschiedlicher kaum sein. Eines eint sie dennoch: Einmal pro Woche versorgen sich die drei Frauen bei den Regensburger Tafel mit Lebensmitteln. Für einen bzw. zwei Euro bekommen sie eine bzw. mehrere Tüte(n) voll mit Fressalien. Bis zu 5.000 Menschen müssen diese Hilfe mittlerweile wöchentlich in Anspruch nehmen. Tendenz steigend!

Von Mario Hahn

Mit Brot und Brötchen für Obdachlose fing alles an. Vor 25 Jahren, am 23. Februar 1993, startete in Berlin die Tafel-Bewegung. Die Idee dahinter: Lebensmittel, die in Supermärkten und Co. übrig bleiben – und noch genießbar sind – zu sammeln und an Bedürftige zu verteilen. Sehr schnell fand die Idee Nachahmer. Die Regensburger Tafel gründete sich 1997.
Immer wieder mal gab bzw. gibt es Kritik an der Tafel (u.a. wegen Veruntreuung), eines ist aber klar: Sie sind leider unverzichtbar. Denn die Not nimmt stetig zu. So leben in Deutschland rund 15 Millionen Menschen in Armut oder sind unmittelbar von ihr bedroht. Zehn Prozent davon, rund 1,5 Millionen, werden von den inzwischen 930 existierenden Tafeln mit ihren 2.500 Ausgabestellen versorgt.
Logisch: Ganz so viele sind es bei der Regensburger Tafel mit ihren drei Ausgabestellen (Regensburg, Neutraubling und Bad Abbach) nicht, aber trotzdem: Woche für Woche versorgt auch sie bis zu 5.000 Menschen. „In der Anfangszeit, also 1997, waren es vielleicht 25 Personen“, informiert die Vorsitzende der Regensburger Tafel e.V., Christine Gansbühler. Das bedeutet eine unglaubliche Steigerung um das 200-Fach bzw. um 19.990 Prozent (!)  innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte.

Wer zur Tafel geht, dem fallen direkt zwei Dinge auf. Erstens: Es wimmelt hier nur so von alten Menschen. „Mittlerweile ist jeder vierte Kunde ein Rentner, und es werden mehr“, erzählt Christine Gansbühler. Hinzu komme eine wachsende Zahl von 50- bis 60-Jährigen ohne sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Der rasante Anstieg der Altersarmut sei daher ein massives Problem. „Das reiche Deutsch-land sollte sich was schämen“, schimpft die Regensburger Tafel-Vorsitzende. Neben den Alten sind auch sehr viele alleinerziehende Mütter von der Armut betroffen. So wie die eingangs er-wähnten Franziska aus Regensburgs sowie Olga und Iman aus Russland, mit jeweils drei, sechs und fünf Kindern.
Und zweitens, was sofort ins Auge sticht: Als Konsequenz der letzten Jahre scheinen die Tafel plötzlich zur Anlaufstation für eine große Zahl von Asylbewerbern geworden zu sein. Nicht selten hört man von Stammgästen der Tafel, wie sie sich über das „rücksichtslose Drängeln“ und „ruppige Art“ der Neuankömmlinge beschweren. Franziska* selbst habe bereits „Handgreiflichkeiten“ miterleben müssen: „Meist geht es um den Platz in der Schlange.“ Doch das sei eine Ausnahme. Christine Gansbühler und ihre 170 ehrenamtlichen Mitarbeiter haben alles im Griff, alles ist perfekt durchorganisiert. Das bestätigen auch Olga und Iman: „Gut, dass es die Tafel gibt. Alle Mitarbeiter sind sehr nett hier. Die Beste aber ist die Chefin“, und umarmen Christine Gansbühler. „Das ist mitunter ein Grund, warum ich meine Arbeit gerne machen“, ruft mir die Vorsitzende der Regensburger Tafel hinterher.

* Name geändert

Wissenswertes zur Regensburger Tafel

■ Die Regensburger Tafel e.V. ist ein im Jahr 1997 gegründeter gemeinnütziger Verein, der sich nach den Grundsätzen und dem Leitbild des Bundesverbandes orientiert und in der Region Regensburg tätig ist.

■ Der Vereinszweck besteht darin, verzehrfähige Lebensmittel und sonstige Gegenstände des täglichen Bedarfs durch Einsammeln vor der Vernichtung zu retten und anschließend an die bedürftige Bevölkerung in Stadt und Landkreis Regensburg zu verteilen.

■ Empfangsberechtigt sind alle Personen, die nachweisen können, dass sie in folgender Liste vertreten sind:
– ALG II-Empfänger
– Grundsicherung
– BAföG-Empfänger
– Rentner mit geringem Einkommen (Mietzuschuss)
– Stadtpass der Stadt Regensburg
– Flüchtlingsstatus/Asylbewerber
– Hilfe zum Lebensunterhalt bekommen oder vorübergehend in einer finanziellen Notlage sind

■ Mach mit bei der Tafel: Die Regensburger Tafel sind händeringend auf der Suche nach ehrenamtlichen Mit-arbeitern. Mehr Informationen unter Tel.: 0941/78849715.

Mario Hahn

Ich bin Redakteur beim Blizz, Ihrer Wochenendzeitung für Regensburg und Umgebung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.