Starke Frau an der Spitze des Landkreises Regensburg: Landrätin Tanja Schweiger im großen Blizz-Interview

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Polder, Wohnungen und Verkehr

Landrätin Tanja Schweiger im Redaktionsgespräch über Herausforderungen für den Landkreis Regensburg

 

Regensburg – Drei große und wichtige Themen, welche den Landkreis Regensburg beschäftigen, sind Polder, Wohnungen und Verkehr. Landrätin Tanja Schweiger erklärt im ausführlichen Interview, was die Politik unternehmen kann, um diese Probleme zu lindern. Zudem gewährt die Freie Wähler-Politikerin einen Einblick in ihr Leben abseits der Politik.

Von Mario Hahn und Matthias Dettenhofer

Blizz: Die Landesregierung plant im südöstlichen Landkreis ein Mammut-Projekt. Bei Wörth an der Donau sollen Polder entstehen. Das sind Wasserrückhaltebecken, die bei Hochwasser geflutet werden können. Sie sind eine Gegnerin dieses Vorhabens und forderten Ministerpräsident Söder auf, diese Pläne zu stoppen. Warum?

Tanja Schweiger: Früher lebten die Menschen am Donauufer. Im Rahmen des Kanalbaus staute man die Donau auf. Seitdem leben die Menschen in den betreffenden Gebieten hinter dem Damm. Das heißt, jetzt liegen die Häuser bis zu sieben Meter unter dem aktuellen Pegel. Dazu kommt, dass der Boden in dem betroffenen Gebiet sehr kieshaltig ist. Das führt dazu, dass sich das Grundwasser, das nach etwa eineinhalb Metern anfängt, überallhin verteilen kann. Ganz nach dem „Prinzip der kommunizierenden Röhren“.
Und jetzt stellen Sie sich mal folgende Situation vor: Starkregen, Hochwasser und obendrauf in den Poldern geparktes Donauwasser. Die Menschen haben dann das Grundwasser nicht nur in den Kellern, was sehr oft vorkommt, sondern wohl auch im Erdgeschoss. Daher meine Botschaft: Durch den Rhein-Main-Donau-Kanal ist das Grundwasser gestiegen, es ist jetzt quasi Oberkante-Unterlippe – jeden Kubikmeter mehr in dem genannten Bereich können wir nicht mehr brauchen.

Was viele nicht wissen – die geplanten Polder bei Eltheim und Wörthhof haben gigantische Ausmaße.

Richtig, der eine ist von der Fläche her so groß wie der Tegernsee! Der andere wie der Königssee! Beide sind so groß wie 1.600 Fußballfelder. Dann kommt noch die Dammhöhe von bis zu neun Metern hinzu…Und um den Damm zu stabilisieren, braucht man eine Dammbreite von gut 50 Metern. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Sicherheit. Der Damm wird ja angeblich nur alle paar Jahrzehnte geflutet, bei einem extremen Hochwasser. Wer überprüft ihn aber in der Zwischenzeit auf Dichtigkeit und Stabilität? Wird er gespundet oder betoniert? Oder was passiert, wenn im Flutungsfall der Damm nicht hält? Und: Kann man unverändert Landwirtschaft innerhalb des Poldergebiets betreiben? Aus der Erfahrung wissen wir, dass der Mensch die Naturgewalten nicht beherrschen kann.

Erst im Mai durfte Tanja Schweiger ihren 40. Geburtstag feiern
Foto: Reinhold Degel

Weiteres, wichtiges Thema: Was kann man tun, um den Verkehr im Raum Regensburg zu entlasten?

Nur ein Bündel an Maßnahmen kann helfen. Man muss einfach an alles denken und man muss aber das dann auch zu Ende bringen, sprich: umsetzen. Der Bund hat ja gerade mit dem A3-Ausbau eine große Forderung der Region erfüllt. Ansonsten erwarten die Bürgerinnen und Bürger zu Recht, dass sich die politisch Verantwortlichen nicht in gegenseitigen Forderungen überbieten, sondern gemeinsam an Lösungen arbeiten. Dabei muss jeder in seinem Zuständigkeitsbereich das tun, was möglich ist und sich eng abstimmen. Hinzu kommt, dass große Straßenbauprojekte, die die Verkehrssituation wirksam verbessern könnten, gesellschaftlich immer schwerer durchzusetzen sind. Denken Sie nur an unsere R30, die Ostumfahrung Niedertraubling oder die Sallerner Regenbrücke.
Besonders wichtige Projekte sind auch der Ausbau des Pfaffensteiner Tunnels, der Neubau der Sinzinger Autobahnbrücke, die Nahverkehrsbrücken bei Kneiting und Sinzing, die Hafenspange, der Neubau der Irler Brücke weiter östlich oder ein kreuzungsfreier Ausbau des Verkehrsknotenpunktes beim DEZ an der Kreuzung Nordgau- zur Frankenstraße durch eine Unter- oder Überführung. Unseren ÖPNV haben wir in den letzten Jahren immer wieder optimiert. Weitere Maßnahmen sind in Vorbereitung. Zu den bestehenden Gleisen stelle ich mir eine Art S-Bahn mindestens zwischen dem Bahnhof Obertraubling – mit Zwischenstopp etwa im Candis, Hauptbahnhof, Ladehofstraße und Prüfening – bis Undorf vor. In den Norden müsste diese S-Bahn mindestens von Sinzing und Riegling kommend über die innerstädtischen Haltepunkte nach Zeitlarn, Laub, Regenstauf und Diesenbach führen. Die Nachbarlandräte, Frau Bürgermeisterin Maltz-Schwarzfischer und ich haben uns ja vor kurzem für diesen S-bahnähnlichen Verkehr aus allen fünf Richtungen im mindestens 30-Minuten-Takt positioniert. Jetzt brauchen wir noch die Unterstützung des Freistaats.

Regensburg hat doch beschlossen, in bis zu 15 Jahren eine Stadtbahn zu realisieren.

Ich bin nicht gegen die Stadtbahn. Aber ich habe große Sorge, dass man nun sagt: Jetzt hat die Stadt die Stadtbahn beschlossen – jetzt ist alles erledigt, jetzt muss man nichts mehr machen. Das wäre fatal! Es müssen unabhängig davon weitere bereits beschlossene Maßnahmen umgesetzt werden.

Sollte die geplante Stadtbahn das Umland mit einbeziehen? Sollte sie z. B. bis nach Schierling führen?

Naja, nach Schierling bzw. Eggmühl haben wir bereits eine Schienenverbindung. Jetzt eine Stadtbahnschieneninfrastruktur, die mit der Eisenbahn nicht kompatibel ist, parallel dazu zu errichten, sprengt wohl jeden Rahmen. Ich meine, man muss die bestehende Bahninfrastruktur nutzen und ausbauen! Insgesamt brauchen wir eine engere Taktung. Mindestens alle 30 Minuten muss der Zug aus den Nachbarlandkreisen zum Regensburger Hauptbahnhof fahren. Besser noch: alle 20 Minuten. Das wäre ein großer Wurf, das würde unseren Großraum – von Straubing bis Neumarkt, Cham, Schwandorf bis Kelheim – noch schlagkräftiger machen!

In Regensburg fehlt es an bezahlbarem Wohnraum. Wie wirkt sich diese Situation auf den Landkreis aus?

Die Nachfrage nach Bauland und Mietwohnraum steigt ebenfalls an und dementsprechend die Preise. Seit ich Landrätin bin, versuche ich auf allen Ebenen zu sensibilisieren, dass wir mehr Engagement im sozialen Wohnungsbau brauchen. Mittlerweile haben wir eine Zunahme der Wohnbaugenehmigungen, und es laufen Planungen für viele Genehmigungen im sozialen Wohnungsbau. Diese Entwicklung freut mich sehr, weil in den Jahren 2014 und 2015 da noch eine Null stand. Aber nach drei Jahren sieht man den Erfolg. Insgesamt haben wir im gesamten Landkreis einen Bestand von etwa 850 Sozialwohnungen. Wenn das alles gebaut ist, was in der Planung ist, haben wir über 1100. Ein Stand, den wir 2004/2005 schon mal hatten.

Warum hat da kein Landrat die Priorität draufgelegt?

Ich glaube, dass Herrn Mirbeth (Vorgänger als Landrat, Anm. d. Red.) schon bewusst war, dass man Wohnungen bauen muss, bzw. behalten muss. Als ich noch Landtagsabgeordnete war, hat er mich angeschrieben, dass keinesfalls die GWB-Wohnungen verkauft werden dürften. Damals hat Dr. Markus Söder als Finanzminister 33.000 Wohnungen verkauft. Da waren schon einige von uns dabei und das merkt man jetzt.
Natürlich sind auch noch andere Faktoren für eine Verknappung verantwortlich. Etwa die Anzahl an Asylsuchenden, die Boom-Region und eine positive Bevölkerungsentwicklung. Aber gerade auch für junge Leute, die von zu Hause ausziehen wollen und in den Vereinen im Landkreis verwurzelt sind, braucht es Mietwohnraum am Land.

Im Herbst sind Landtagswahlen. Schafft es die CSU nicht, die absolute Mehrheit im Landtag zu erlangen – stünden dann die Freien Wähler als Koalitionspartner zur Verfügung? Schließlich sagte Hubert Aiwanger, es sei besser, mit der CSU zu regieren, als sie alleine regieren zu lassen.

Genau, so sehe ich es auch. Bei allen Herausforderungen für die Freien Wähler, die eine Koalition mit der CSU brächte, gilt am Ende: Wenn Markus Söder nach der nächsten Landtagswahl wieder Ministerpräsident wird, dann ist es meiner Meinung nach gut, wenn er mit der CSU keine absolute Mehrheit hat und die Freien Wähler ein bisschen aufpassen können.

Kommen wir zu einigen privaten Fragen. Wie sieht im Hause Schweiger der Alltag mit zwei Kindern aus?

Ach, ich möchte mich da gar nicht in den Vordergrund stellen. Vielleicht genauso wie in anderen Familien, in denen die Eltern auch außerhalb der Familie stark engagiert sind. Ich finde ja schon, dass der Familienalltag alleine immer wieder eine Herausforderung ist. Deswegen möchte ich auch gerne eine Lanze für alle Mütter brechen. Für mich ist es deshalb ein wenig einfacher, weil mich meine Familie sehr stark unterstützt.

FW-Chef Hubert Aiwanger ist Ihr Lebenspartner. Wie muss man sich ein gemeinsames Frühstück vorstellen? Gibt es neben der Politik auch andere Themen, die zur Sprache kommen?

Naja, natürlich nimmt die Politik in unserem Leben einen großen Raum ein. Und genau deshalb bemühe ich mich sehr, zu Hause die Themen in den Mittelpunkt zu stellen, die für die Familie wichtig sind. Das haben ja auch die Kinder verdient.

Wie können Sie am besten vom Alltag abschalten?

Ich kann das glücklicherweise ziemlich gut. Ich habe mir angewöhnt, dort, wo ich bin, auch meine Gedanken zu konzentrieren. Das heißt, ich mache in der Arbeit nichts Privates und ich mache auch zu Hause nichts Dienstliches. Das gelingt nicht immer, aber grundsätzlich funktioniert’s. Außer, irgend etwas ärgert mich besonders, dann beschäftigt mich das schon. Auch nachts. Aber im Normalfall streife ich alles ab, sobald ich zu Hause aus dem Auto aussteige. Dann ist Zeit für die Kinder.

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