Redakteur Matthias Dettenhofer wagt einen Perspektivwechsel und stößt schnell an Grenzen der Mobilität

Regensburg – Schnell vom Regensburger Hauptbahnhof zum Bussteig in der Albertstraße. Für uns Fußgänger kein Problem. Für Menschen mit Handicap tagtäglich eine schwierige Herausforderung. Um zu verstehen, wo die Probleme liegen, habe ich im Selbstexperiment versucht, die Strecke im Rollstuhl zurückzulegen.

Von Matthias Dettenhofer

„Jeder Mensch mit Behinderung sollte ohne fremde Hilfe und Hilfsmittel selbständig von A nach B kommen“, erklärt Frank Reinel. Der Inklusionsbeauftragte der Stadt Regensburg sitzt selbst im Rollstuhl und hat mich und andere Medienvertreter eingeladen, sich auf einen „Perspektivwechsel“ einzulassen. So können wir aus eigener Erfahrung erkennen, welche Hürden Menschen mit Behinderung für alltägliche Wege überwinden müssen und wo es hakt.

Matthias Dettenhofer (re.) testete selbst, wie es ist auf einen Rollstuhl und auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Frank Reinel, Inklusionsbeauftragter der Stadt (li.) gab Hilfestellung Foto: Peter Ferstl/Stadt Regensburg

Zwei Möglichkeiten stehen mir zur Verfügung, um die Strecke zu bewältigen. Rollstuhl oder Sehbehinderung, Blindheit. Ich wähle die Rollstuhlperspektive. Hauptsache, etwas sehen, denn vor der Blindheit habe ich noch mehr Angst. Wir starten im Bahnhofsgebäude. Zuerst fällt mir auf, dass die Perspektive wirklich nicht besonders ist. Ich sehe Hinterteile und der Überblick fehlt total. Zum Glück kenne ich mich hier aus. Doch was, wenn ich in einer mir fremden Umgebung bin? „Kontaktscheu dürfen Sie nicht sein“, lacht Reinel. „Sie werden immer jemanden ansprechen müssen, um sich zurechtzufinden.“

Die erste Aufgabe im Rollstuhl lautet nun: die Rampe hinunter auf den Bahnhofsvorplatz. Kein Problem. Mit meinem Rolli habe ich mich, soweit es geht, vertraut gemacht, und kräftig genug bin ich auch, denke ich. Und dennoch muss ich ordentlich bremsen, um nicht in den Handlauf der Rampe zu brettern. Geschafft, den Weg wieder hinauf erspare ich mir jedoch. Angenehmer wird es jedoch auch nach der Abfahrt nicht, ganz im Gegenteil. Kopfsteinpflaster und Rollstuhlreifen sind sich spinnefeind. Und dennoch ist der Platz vor dem Bahnhof nicht barrierefrei. „Das wird sich im Zuge der Umgestaltung des Bahnhofsareals ändern“, weiß Marina Brückner von der Projektkoordination zur Neugestaltung des Bahnhofsumfeldes.

Während Frau Brückner das erklärt, warten wir immer noch auf den TVA-Kollegen, der sich für die Blindheit entschieden hat. Am Arm von Tanja Knappe vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenverband, schleicht er langsam die Treppe herunter. „Hier gibt es halt keinen Leitstreifen, der blinde Menschen zur Albertstraße führt.“ Zudem stehen Fahnenmasten, Bushäuschen und natürlich viele Passanten oder Horden von Schülern einem schnellen und sicheren Vorankommen im Weg. „Die Regensburger sind jedoch sehr hilfsbereit und gehen zur Seite“, lobt Reinel.

Als wir komplett sind steht mit der Überquerung der Straße das nächste große Hindernis an. Randsteine, hetzende Fußgänger und drängelnde Autos lassen das schnell zu einem Spießrutenlauf werden. Ich fühle mich unwohl. Sieht mich der Fahrer? Schaffe ich die Schaltung, ehe es wieder rot wird? „Als Rollstuhlfahrer muss man immer einen Zeitpuffer einbauen. Mal ist der Bus zu voll oder es ist allgemein zu viel los.“

Als ich endlich an der Albertstraße angekommen bin, neigt sich mein Selbstversuch dem Ende zu und ich bin froh, dass ich einfach aufstehen kann und meinen Rollstuhl zurückgeben darf.