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Regensburg & Landkreis

Warum es zu den Missbräuchen bei den Domspatzen kommen konnte „Eine Atmosphäre der Angst“

Ein abgeschottetes System begünstigte den Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen

Regensburg – Warum? Das ist die zentrale Frage. Warum kam es bei den Domspatzen zu körperlicher und sexueller Gewalt? Warum hat das niemand verhindert? Warum mussten hunderte Kinder und Jugendliche so viel Leid ertragen? Zwei neue Studien liefern nun die Antworten. Sie erinnern ans finsterste Mittelalter.

Von Mario Hahn

Ohrfeigen „als morgendliche Muntermacher“, Schläge auf den Kopf oder Po, mit Weidengerte, Rohrstock oder Siegelring. Demütigungen – öffentlich wie nichtöffentlich. Hunderte Domspatzen wurden in kirchlichen Einrichtungen gequält, gedemütigt, verprügelt oder sexuell missbraucht. Diese Methoden erinnern stark ans finstere Mittelalter, in dem die katholische Kirche ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen wusste.

Wie es so weit kommen konnte, zeigen nun zwei vom Bistum Regensburg in Auftrag gegebene Studien, die die Vorgänge zwischen 1945 und 1995 untersucht haben. Eine Studie führte die Universität Regensburg zur geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung durch. Eine weitere Untersuchung fertigte die Kriminologische Zentralstelle (KrimZ) aus Wiesbaden an.

Die “totale Institution”

Aus den Studien geht hervor, dass „undurchsichtige Strukturen, unklare Verantwortlichkeiten und ein Versagen kirchlicher wie staatlicher Stellen“ die Fälle von Missbrauch und Gewalt begünstigten. Auch wird von Merkmalen einer „Totalen Institution“ in der Vorschule, dem Internat und dem angeschlossenen Knabenchor berichtet.

Prof. Dr. Martin Rettenberger von der KrimZ: „Es war ein abgeschottetes, soziales System, in dem sich eigene moralische Maßstäbe herausgebildet haben. Es herrschte eine Atmosphäre der Angst und der Agonie.“ Niemand traute sich über die Missstände zu reden. Es herrschte ein System des Schweigens. „Der Chor, seine Finanzierung und sein Erfolg standen stets im Zentrum und waren wichtiger als individuelles Wohlergehen der Schüler oder eine kindgerechte Pädagogik“, so Prof. Dr. Bernhard Löffler von der Uni.

Georg Ratzinger trägt Mitschuld

Gewalt als Bestandteil der alltäglichen Erziehungspraxis war „normal“. Die Präfekten, also die Erzieher, hätten in ihrer Kindheit selbst oft Gewalt erlebt. „Man darf nicht vergessen, dass das körperliche Züchtigungsrecht, also die Prügelstrafe, in Bayern erst 1983 verboten wurde“, so der Historiker Prof. Dr. Löffler.
Gewalt erfuhren besonders die Dritt- und Viertklässler. Je älter die Schüler, umso weniger Prügel gab es. Die meisten hätten sich an das System angepasst. Die Schikanen färbten auch auf Schüler ab. „Ältere übten Gewalt gegen jüngere aus“, so Prof. Dr. Rettenbach, der für seine Studie Betroffene interviewt hatte.

Eine Mitschuld an den Missbräuchen trage laut den Experten auch Georg Ratzinger, der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Der frühere Chorleiter setzte aufgrund des Erfolgsdrucks auch Gewalt als Hilfsmittel ein. „Er neigte zu Jähzorn und hat mit überzogener Strenge Druck auf die Sänger ausgeübt“, so Prof. Dr. Löffler. Er sei aber kein Sadist gewesen, im Gegensatz zum 1992 verstorbene Schuldirektor und Priester Johann Meier. Dass Ratzinger von dessen Mitteln nichts gewusst habe, sei „ausgeschlossen“.


Fakten:

  • Mindestens 547 Chorsänger sind Opfer körperlicher bzw. sexueller Gewalt geworden. Diese Verbrechen geschahen hauptsächlich in den 60er und 70er Jahren.
  • 2010 wurde der Missbrauch bei den Domspatzen bekannt. 2017 lag der Abschlussbericht vor.
  • Der Taten verdächtigt wurden 49 Beschuldigte, von denen 45 körperliche und neun sexuelle Gewalt ausgeübt hatten. Alle Fälle sind jedoch verjährt und somit strafrechtlich nicht mehr relevant.
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