„Wir werden nicht aufhören, bis die Politik verstanden hat“ Regensburger Fridays For Futur-Bewegung zurück auf der Straße

Die Klimabewegung Fridays For Futur bei einer Fahrrad-Demo in Regensburg. Foto: FFF

Regensburg – Die jungen Aktivistinnen und Aktivisten von „Fridays for Future“ lassen sich auch von Corona nicht ausbremsen. Im Interview erklären Tamira Unger, Simon Lachner, Micha Sörgel und Franziska Pletl, warum sie trotz Pandemie demonstrieren, warum der Kohleausstieg schneller kommen muss, Atomkraft auf gar keinen Fall eine Alternative sei und was Regensburg klimatechnisch besser machen könnte.

Von Mario Hahn

Die Corona-Pandemie hat Fridays for Future und die Klimakrise aus dem Fokus gedrängt. Was bedeutet die Pandemie mit ihren Einschränkungen für die Sichtbarkeit von FFF und wie reagieren Sie darauf?

Tamira Unger: Die Sichtbarkeit von FFF hat in den ersten Monaten abgenommen, die Einschränkungen bringen uns dazu, neue Wege zu finden, um diese Krise wieder in den Köpfen der Menschen hervorzurufen. Natürlich war alles einfacher, als man noch nicht zwei Krisen auf einmal händeln musste, aber das ist kein Grund, nicht genau jetzt noch stärker darauf zu achten, die Klimakrise endlich ernsthaft anzugehen. Viele haben gerade am eigenen Leib oder bei Bekannten und Verwandten einen Vorgeschmack darauf bekommen, was passiert, wenn eine Krise ausartet, und welche Folgen das haben kann. Die Klimakrise ist jetzt schon schlimm, aber es wird noch viel schlimmer kommen, das ist auch, was wir vermitteln wollen. Wir haben neue Konzepte und Ideen ausgearbeitet, um weiterhin Corona-konform streiken zu können. Wir werden auch weiterhin verschiedene Arten des friedlichen Protests ausprobieren, wie zum Beispiel nur online oder wie eine Menschenreihe oder eben Fahrraddemonstrationen, wir werden nicht aufhören, bis die Politik verstanden hat, was da wirklich auf uns zukommt, und auch dementsprechend handelt.

Tamira Unger
Tamira Unger
Foto: FFF

Unter dem Motto „#NoMoreEmptyPromises – keine leeren Versprechungen mehr“ ruft FFF aktuell zu Demonstrationen gegen die Förderung fossiler Brennstoffe auf. Anders als von der Regierung geplant, wollen Sie den Kohleausstieg von 2038 auf 2030 vorziehen. Warum? Und gefährden Sie damit nicht Arbeitsplätze in ohnehin strukturschwachen Regionen?

Simon Lachner: Der Energiesektor spielt in der Klimakrise einen der größten Faktoren. Fossile Energieträger setzen beim Verbrennen CO2 frei, das seit Jahrmillionen im Boden gespeichert war. Dies bringt den Kohlenstoffkreislauf so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sich das Klima verändert.
Seit Jahren gibt es allerdings andere Techniken, mit denen wir klimaneutral Strom erzeugen können. Aus Wind und Sonne können wir Energie gewinnen und nutzen, um unseren Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Mit Hilfe der erneuerbaren Energien, flexiblen Verbrauchern und Erzeugern, mehr Energiespeichern und dem Netzausbau ist es laut mehreren Studien (u. a. UBA 2050) möglich, die Energieversorgung bis 2050 klimaneutral zu machen.
Dafür braucht es allerdings einen schnelleren Ausbau von Photovoltaik und Wind. Aktuell werden diese Branchen ausgebremst und es gehen um ein Vielfaches mehr Arbeitsplätze verloren, als durch den Kohleausstieg verloren gehen. Wir müssen also jetzt auf zukunftssichere, klimaneutrale Technik setzen, statt alte Technologien durch Subventionen und Milliarden-Entschädigungen künstlich am Leben zu halten. Ein schneller Kohleausstieg bis 2030 ist möglich und nötig!

Simon Lachner
Simon Lachner
Foto: FFF

Viele Länder setzen auf Atomkraft. In der Türkei zum Beispiel wurde kürzlich mit dem Bau eines neuen Atomreaktors begonnen. Nicht wenige sehen Kernenergie als klimafreundliche, zuverlässige und – richtig angewendet – auch als günstige Alternative. FFF spricht aber immer nur von erneuerbaren Energien. Warum?

Micha Sörgel: Sowohl für den Brennstoff als auch bei dem Bau und Rückbau der Kraftwerke wird eine Menge CO2 freigesetzt. Durch die ungelöste Endlagerfrage lässt sich der tatsächliche CO2-Fußabdruck von Atomstrom zwar noch nicht final abschätzen, mit den erneuerbaren kann die Atomenergie aber bereits jetzt schon nicht mithalten.
Auch das Scheinargument der günstigen Alternative kann keineswegs bestätigt werden: Atomkraft wird nur über staatliche Subventionen ermöglicht. Auch die Ewigkeitskosten, die Suche und der Betrieb eines Endlagers werden still an die kommenden Generationen übertragen, um kurzfristigen Profit für einzelne Unternehmen zu ermöglichen. Dies hat mit Klima- und Generationengerechtigkeit nichts zu tun.
Ein weiterer Punkt, der die Diskussion um Atomenergie obsolet macht, ist der zeitliche Horizont: Die bestehenden Reaktoren haben ihre Lebensdauer bereits überschritten, jeder weitere Betriebstag birgt eine große Gefahr. Der Neubau eines Kernkraftwerks dauert zehn bis 30 Jahre, bis dahin muss unsere Energieversorgung bereits vollkommen CO2-neutral sein. Dies sollten wir mit bereits vorhandener, kontrollierbarer Technologie angehen. Das sind ausschließlich erneuerbare Energien.

Micha Sörgel
Micha Sörgel
Foto: FFF

FFF Regensburg ist der Meinung: „Die Stadt Regensburg hat sehr wirksame Klimaschutzwerkzeuge in der eigenen Hand.“ Welche meinen Sie und wie lassen sich die realisieren?

Franziska Pletl: Auf kommunaler Ebene lässt sich mehr CO2 einsparen, als es auf den ersten Blick erscheint. Beispielsweise kann die Stadt Regensburg vor Ort die Emissionen im Verkehrssektor senken, indem sie den ÖPNV weiter ausbaut, den Radentscheid endlich umsetzt und dafür sorgt, dass im Stadtbereich niemand mehr auf ein Auto angewiesen ist. Hier sehen wir ein enormes Potenzial, das bisher – abgesehen vom Neubau der Stadtbahn, den wir ausdrücklich begrüßen – nicht ausgeschöpft wird. Zusätzlich kann die Stadt Regensburg ihren eigenen Energieverbrauch deutlich senken, zum Beispiel, indem die gesamte Straßenbeleuchtung schnellstmöglich auf LED umgerüstet wird oder städtische Gebäude energetisch saniert werden. Hier sind wir außerdem auf die Umsetzung des lange angekündigten Klimavorbehalts gespannt, der dem Klimaschutz potenziell die notwendige Priorität einräumen kann. Außerdem müssen die städtischen Töchter in die Verantwortung genommen werden: Strom der REWAG muss schnellstmöglich zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gewonnen werden und bei der Stadtbau GmbH muss künftig der Plus-Energie-Standard in der Bauleitplanung festgelegt werden. Das alles sind Beispiele für kommunale Klimaschutzwerkzeuge.

Franziska Pletl
Franziska Pletl
Foto: FFF

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