Wirsing-Turm in Regensburg soll nicht abgerissen werden Das Bündnis „Zukunft Kepler-Areal“ strebt eine „einstweilige Anordnung“ und eine Weiternutzung an

Regensburg – Wie viel ist heutzutage architektonische Kunst wert? Ist sie erhaltenswert oder nicht? Darüber bahnt sich in Regensburg ein neuer Streit an. Klar ist, die Stadt will noch in diesem Jahr das Wirsing-Hochhaus beim Ernst-Reuter-Platz dem Erdboden gleichmachen. Dies will das Bündnis „Zukunft Kepler-Areal“ mit einer „einstweiligen Anordnung“ verhindern.

Von Mario Hahn

Letzten Oktober hat eine überzeugende Mehrheit der Regensburger per Bürger-entscheid gegen ein Kultur- und Kongresszentrum auf dem Kepler-Areal zwischen Ernst-Reuter-Platz und Albertstraße entschieden. Das war eigentlich das Aus für das RKK an dieser Stelle. Dennoch bleibt die Stadt bei ihrem Fahrplan und will bis spätestens Ende September 2019 den Turm, der nach dem Entwurf des Architekten Wirsing ab 1967 beim Ernst-Reuter-Platz entstand, abreißen. Sie brauche den Platz für einen provisorischen Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB), bis der richtige ZOB zwischen Hauptbahnhof und Galgenbergbrücke fertig sei.

Das Bündnis „Zukunft Kepler-Areal“ sieht in dem Wirsing-Hochhaus ein „Haus für die Bürger“ mit Biergarten auf der Terrasse
Grafik: Fürst

Das will das Bündnis „Zukunft Kepler-Areal“, das aus den Gegnern des geplanten RKK hervorgegangen ist, verhindern. Das Bündnis befürchtet, dass die Stadtregierung weiterhin an der Umsetzung ihres Bauvorhabens festhält, so als hätte es keinen Bürgerentscheid gegeben, und mit dem Abriss des Wirsing-Baus vollendete Tatsachen schaffen will. Das Bündnis, in dem auch Reinhard Kellner von den Sozialen Initiativen tätig ist, plädiert dafür, dass es „weitaus sinnvoller wäre, über die Weiternutzung der Gebäudeanlage, die alles hat, was ein ‚Haus für den Bürger‘ benötigt, zumindest so lange nachzudenken, bis ein tragfähiges, unter Mitwirkung der Öffentlichkeit erarbeitetes Konzept für die künftige Gestaltung des Areals vorliegt“. Deren vielfältige Argumente hat das Bündnis in einem offenen Brief an die Bürgermeisterin Maltz-Schwarzfischer dargelegt.
So sei der 2017 mit 98 Jahren verstorbene Münchner Architekt Werner Wirsing nicht irgendwer, einige seiner Bauwerke stünden unter Denkmalschutz. Wirsing galt als ein wichtiger Vertreter des Baustils Brutalismus. Davon gibt es welweit nur noch 1.000 Gebäude. Unser Wirsing-Bau zähle zu den Top 100.
Zudem wäre ein Abriss ökologisch gesehen eine Schandtat, da ein Neubau stets mehr Energie verbrauche als die Sanierung des Bestands („Graue Energie“). Auch eine Sanierung des Gebäudes in Stahl-Skelettbauweise sei möglich. Das zeige die „Sanierung der Gebäude auf dem Uni-Campus, die aus der selben Bauzeit stammen und ebenso wie der Keplerbau seit über vier Jahrzehnten nicht saniert und renoviert wurden“. Man müsse halt nur wollen. Auch für die künftige Nutzung des Wirsing-Baus hat das Bündnis eine Lösung. Kellner: „Beim Planungsdialog zur Zukunft des Bahnhofareals war ein wesentlicher Wunsch der Teilnehmer ein ‚Haus für die Bürger‘. Das steht doch schon da. Der Wirsing-Bau verfügt über alle Räumlichkeiten und Anlagen, die ein Bürgerhaus benötigt.“ Das Bündnis könnte sich auch eine große Terrasse für einen Biergarten mit Blick auf die Baumwipfel des Allee-Gürtels vorstellen.
Nicht zuletzt bezweifelt das Bündnis, ob ein provisorischer ZOB überhaupt nötig sei, dafür sei das Busverkehrsaufkommen zwischen Bahnhofsvorfeld und Peterskirchlein zu gering. „Es handelt sich dabei um 14 Linien, die das Umland anfahren. Von diesen 14 Linien fahren drei alle halbe Stunde, viele jede ganze Stunde und einige nur vier bis fünf Mal am Tag. Die meisten dort stehenden Busse verbringen an dieser Stelle ihre Ruhezeiten.“

Interview mit Reinhard Kellner vom Bündnis “Zukunft Kepler-Areal”

Blizz: Herr Reinhard Kellner, was hat es mit der „einstweiligen Anordnung“ auf sich?

Reinhard Kellner

Reinhard Kellner: Das Bündnis will mit dieser „einstweiligen Anordnung“ zunächst den vorschnellen Abriss des Wirsinghauses verhindern, der in den kommenden Wochen beginnen soll, um Zeit zu gewinnen für eine öffentliche Diskussion zur Gestaltung des gesamten Kepler-Areals. Der Abriss würde diesbezüglich vollendete Tatsachen schaffen.

Warum will das Bündnis eigentlich den Abriss verhindern?
Das Bündnis ist der Meinung, dass in dem Gebäude ungeheuer viel „Graue Energie“ steckt, die erhalten werden muß. Außerdem sorgen wir uns um die umstehenden Bäume, bezweifeln die Notwendigkeit eines provisorischen Busbahnhofs genau an dieser Stelle und sind übrigens empört, dass hier 200 Studentenwohnungen seit über einem Jahr leer stehen. Letztendlich ist dieses Gebäude des berühmten Architekten Wirising ein Zeugnis der Nachkriegsarchitektur, das wie eine moderne Patrizierburg an dieser Stelle durchaus zu Regensburg passt, wenn es entsprechend saniert und mit Leben erfüllt wird.

Glauben Sie, dass die Stadt ein RKK (mit einem neuen Namen) durchs „Hintertürchen“ realisieren möchte?
Darüber lässt sich nur spekulieren. Die Sperrfrist des Bürgerentscheids läuft nach einem Jahr ab.

Mario Hahn

Ich bin Redakteur beim Blizz, Ihrer Wochenendzeitung für Regensburg und Umgebung.

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