Engagierte Helfer in der Krise Wie junge Menschen während Corona den Betrieb bei der Regensburger Tafel am Laufen halten. „Sie sind ein Segen.“

Regensburg – Corona hat vieles in die Knie gezwungen. Auch die Tafeln. Fast jede zweite Einrichtung in Bayern ist geschlossen. Nicht in Regensburg. Hier halten junge Menschen, meist Studenten, den Betrieb am Laufen

Von Mario Hahn

Vor Corona leisteten bei den Tafeln zumeist Senioren den wertvollen Dienst und verteilten ehrenamtlich Lebensmittel an notleidende Menschen.
Seit Corona können sie das nicht mehr leisten. „Die meisten sind über 60 Jahre, haben Vorerkrankungen. Für sie kann eine Infektion sehr gefährlich werden“, so Peter Zilles, Vorstandsvorsitzender Tafel Bayern.

Peter Zilles, Vorsitzender der Tafel Bayern
Foto: Tafel Bayern

Die Folge: Von den rund 160 Tafeln im Freistaat geht die Hälfte nicht mehr dem regulären Betrieb nach. In Cham etwa oder Bad Kötzting. Mancherorts, wie in Bayreuth, läuft nur noch ein Notfallprogramm.
Gerhard Fischer kennt die Situation aus eigener Erfahrung. „Etwa 80 Prozent unserer Stammkräfte haben sich zurückgezogen. Wegen des Coronavirus sind alle vorsichtig. Das ist verständlich“, berichtet der zweite Vorsitzende der Regensburger Tafel.
Auch der Einrichtung in der Liebigstraße drohte die Schließung. Bis man auf der sozialen Plattform Facebook aktiv wurde. „Die Resonanz auf unseren Post war sensationell.“ Fischer ist heute noch sprachlos.
Binnen kürzester Zeit haben sich mehr als 200 junge Menschen, zumeist Studenten, die aktuell aufgrund der politisch verordneten Zwangspause viel Freizeit haben, gemeldet. Sie alle wollten helfen und für die Älteren einspringen.
Aktuell leisten etwa 15 junge Menschen ihren Dienst. Sie sorgen dafür, dass die notleidenden Menschen, die auf die Tafel angewiesen sind, nicht vor verschlossenen Türen stehen. „Sie sind engagiert und verrichten sehr gute Arbeit. Ein Segen.“
Was vor Corona die Älteren machten, machen nun die Jüngeren. Nur – wie lange noch? Irgendwann ruft wieder die Uni. Und dann, wenn die Jüngeren weg sind? Die Älteren werden wohl kaum wieder zurückkommen. Das könnte zum großen Problem werden. Tafel-Landeschef Zilles erwartet nach Corona einen „sehr starken Zustrom an Neukunden“, ähnlich wie bei der Flüchtlingskrise. „Wir sehen aktuell in Ostdeutschland – dort sind die Ausgangsbeschränkungen nicht so streng – dass viele, die in Kurzarbeit sind, zu den Tafeln kommen.“ Zilles betont deshalb: „Wir sind auf jede Hilfe angewiesen. Auf jede!“

 

Alexander Wimmer (li.) und Hans Hetzenecker unterstützen die Regensburger Tafel

Die Regensburger Tafel unterstützen

■ Corona hat bei der Tafel in Regensburg nicht nur das Personal verjüngt, auch die Kundenzahl. „Früher waren es bis zu 180 Bedürftige pro Tag, heute sind es maximal 100“, so Fischer.

■ Die Regensburger Tafel ist aktuell gut mit Lebensmitteln versorgt (was sich auch wieder ändern kann). Hilfe brauchts dennoch.

■ Die monatlichen Unkosten (Miete, Nebenkosten, Fuhrpark… ) liegen bei über 6.500 Euro“, sagt Gerhard Fischer.

■ Wer helfen will, kann das mit einer Patenschaft tun. Mehr Infos: www.tafel-regensburg.de.

■ Die Tafeln in Bayern sind ein gemeinnütziger Verein ohne Gewinnorientierung.

 

Warenausgabe bei der Cottbusser Tafel
Foto: Monique Wüstenhagen

ZAHLEN & FAKTEN

Die deutschen Tafeln, das sind:

  • ca. 940 Tafeln mit mehr als 2.100 Tafel-Läden und Ausgabestellen bundesweit (Gründung der ersten Tafel 1993 in Berlin)
  • knapp die Hälfte eigenständige e.V.s, gut die Hälfte Projekte in Trägerschaft der verschiedensten gemeinnützigen Organisationen
  • ca. 60.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer
  • über 2.000 Fahrzeuge im Einsatz; davon haben ca. 59% eine Kühl-und ca. 7,5% eine Tiefkühlfunktion
  • Dachverband der Tafeln ist die Tafel Deutschland e.V., gegründet 1995.

 

Im Bundesland Bayern gibt es:

  • 169 Tafeln
  • ca. 7.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer
  • es werden ca. 40.000 Tonnen Lebensmittel gerettet
  • und weit über 200.000 bedürftige Menschen unterstützt
  • in Nordbayern gibt es die Logistikverteilzentrale für Lebensmittel
  • bayernweit gibt es 5 weitere Logistikverteilstellen
  • 1-2 weitere Logistikverteilstellen sind in Planung.

 

Die deutschen Tafeln unterstützen regelmäßig bis zu 1,5 Millionen bedürftige Personen, davon:

  • 23% Kinder und Jugendliche,
  • 53% Erwachsene im erwerbsfähigen Alter (v.a. ALG-II- bzw. Sozialgeld-Empfänger, Spätaussiedler und Migranten)
  • ca. 24% Rentner.

 

Aktuelle Entwicklungen:

  • Die Zahl der Tafeln und der unterstützten Personen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen.
  • Die Menge der gespendeten Lebensmittel ist tendenziell steigend, aber nicht in der Geschwindigkeit, in der die Nachfrage steigt.
  • Mit Sorge beobachten die Tafeln vor allem die weiterhin hohe Anzahl der bedürftigen Kinder und Jugendlichen. Viele bieten inzwischen eigene Kinder- und Jugendprojekte an.
  • Es ist in naher Zukunft mit einer steigenden Zahl von Rentnern zu rechnen.
  • Das Spendenaufkommen variiert regional stark.
  • Ehrenamtliche engagieren sich verstärkt für die Tafeln. Weitere ehrenamtliche Hilfe ist aber bei allen Tafeln willkommen.

Quelle: Tafel Bayern

Mario Hahn

Ich bin Redakteur beim Blizz, Ihrer Wochenendzeitung für Regensburg und Umgebung.

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