Der Chamer Rechtsanwalt Marko Heimann weiß, welche Chancen eine Sammelklage gegen den VW-Giganten hat

Regensburg/Cham – Marko Heimann hat den Automobilkonzernen den Kamof angesagt. Der Chamer Rechtsanwalt unterstützt Dieselgate-Geschädigte im Rechtsstreit um Schadensersatz. Seit dem 1. November besteht nun die Möglichkeit, eine Sammelklage gegen die Konzerne einzureichen. Heimann erklärt, was auf die Kläger zukommt.

Blizz: Worum geht es bei der Sammelklage?

Die Rechtsanwälte Marko Heimann und Tanja Fuchs unterstützen „Dieselgate-Betroffene“ Foto: Rechtsanwaltskanzlei Heimann

Marko Heimann: Die Sammelklage ist eine Klage, bei welcher viele geschädigte Verbraucher gemeinsam gegen den Schadensverursacher mit einer einzigen Klage vorgehen. Seit dem 1. November ist das Gesetz in Kraft getreten.

Um welche Fälle geht es konkret derzeit bei der Sammelklage?

Derzeit geht es konkret nur um den Dieselskandal bei VW, also um Schadensersatz für die vom Dieselgate betroffenen Autobesitzer.

Kommen auf den Kläger bei der Sammelklage Rechtsanwalts- und Gerichtskosten zu?

Nein, das Verfahren ist zwar kompliziert. Aber es ist vollständig kostenfrei.

Bekomme ich Geld von VW, wenn die Sammelklage gewonnen wird?

Nein, in keinem Fall. Die Sammelklage ist nur eine Feststellungsklage, d. h., es wird festgestellt, ob überhaupt Schadensersatzansprüche gegen VW bestehen. Die konkrete Höhe der Schadensersatzansprüche wird dabei weder allgemein noch für den einzelnen Autobesitzer konkret festgestellt.

Wie komme ich denn dann endlich zu meinem Geld?

Wenn VW nach Abschluss der Sammelklage nicht freiwillig zahlt – womit nach der derzeitigen Prozesserfahrung in über 25.000 Gerichtsverfahren gegen VW nicht zu rechnen ist – muss der einzelne Autobesitzer wieder zum Anwalt und dann gegen VW klagen.

Kommen dann in diesem 2. Gerichtsverfahren auf den Dieselgate-geschädigten Autobesitzer Rechtsanwalts- und Gerichtskosten zu?

Ja, dieses Individualverfahren muss der Kläger erst einmal selbst zahlen. Das Verfahren wird nicht billig, da das Gericht zum aktuellen Zeitwert des Dieselgate-Autos regelmäßig Sachverständigengutachten einholen wird. Diese Kosten muss erst mal der Kläger auslegen, neben den Anwalts- und Gerichtskosten. Da VW regelmäßig das Verfahren – aufgrund der bisherigen Prozesserfahrungen bisher immer! – in jedem einzelnen Fall durch alle Instanzen treibt, wird es zunächst einmal richtig teuer.

Warum macht VW das so?

VW will Klageverfahren richtig teuer machen, um potentielle Kläger abzuschrecken. Das kann sich VW im Augenblick auch gut leisten, da die Geschäfte glänzend laufen. VW will lieber das Geld in Gerichtsverfahren, Sachverständigenkosten und Hunderte von Anwälten einer der weltgrößten Rechtsanwaltskanzleien investieren, als den Geschädigten ein akzeptables Schadensersatzangebot zu machen.

Wie lange dauert denn die Sammelklage und danach die Individualklage auf Schadensersatz?

Das kann man natürlich nur schätzen. Bisher hat VW mit einer Armada von Anwälten die Prozesse zeitlich sehr herausgezögert und lange verschleppt. Das wird hier wahrscheinlich wieder der Fall sein. Pro Prozess kann man deshalb mit einer Dauer von 3-5 Jahren rechnen. Die Prozessverschleppung von VW hat System: Viele Gerichte bringen bei den geschädigten Autobesitzern die gefahrenen Kilometer in Abzug. Je länger sich der Prozess hinzieht, desto mehr Kilometer werden mit dem Auto zwangsläufig gefahren. Viele Autos sind dann bei Prozessende auch schon weiterverkauft, verunfallt oder sogar verschrottet. Dann hat man den Prozess gewonnen und bekommt trotzdem keinen Cent Schadensersatz.

Für wen macht die Sammelklage dann überhaupt noch einen Sinn?

Für Dieselgate-Autobesitzer, welche nicht rechtsschutzversichert sind. Für diese ist der Anschluss bei der Sammelklage sinnvoll, um die Verjährung zu unterbrechen.

Und was ist mit den rechtsschutz­versicherten Dieselgate-Autobesitzern?

Wer im Zeitpunkt des Autokaufs eine Rechtschutzversicherung gehabt hat, sollte auf jeden Fall die Individualklage erheben. Diese bringt einen Zeitvorsprung von 3-5 Jahren und auch Geld. Und zwar wesentlich mehr Geld, weil selbst bei einer Anrechnung von gefahrenen Kilometern der Kilometerstand wesentlich niedriger ist als nach einem letztinstanzlichen Urteil in der Sammelklage und einem sich daran anschließenden Prozess gegen VW.